Mitten auf einem herbstlichen Feld brachte sie im strömenden Regen ihr Kind zur Welt und starb, während sie das Baby bis zuletzt an sich drückte – erst einen Tag später fanden Pilzsammler die beiden zufällig

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Mitten auf einem herbstlichen Feld brachte sie im strömenden Regen ihr Kind zur Welt und starb, während sie das Baby bis zuletzt an sich drückte – erst einen Tag später fanden Pilzsammler die beiden zufällig

Abschnitt fünf. Ein ganzes Dorf entschied sich für sein Leben

In Wahrheit wurde Michael von fast ganz Waldheim großgezogen.

Elisabeth untersuchte ihn jede Woche und achtete darauf, ob er zunahm und richtig atmete.

Die Lehrerin Helga brachte Kinderkleidung, aus der ihr Enkel bereits herausgewachsen war.

Gertrud aus dem Nachbarhaus gab regelmäßig frische Ziegenmilch ab.

Bürgermeister Keller half Martin, eine Arbeit in der Nähe zu finden, damit er nie wieder wochenlang auf Montage fahren musste.

Er verdiente jetzt deutlich weniger.

Doch jeden Abend kam er zu seinem Sohn nach Hause.

Mit der Zeit lernte Martin, Windeln auszuwaschen, Brei zu kochen und Michael so lange auf dem Arm zu wiegen, bis er einschlief.

Dabei summte er immer dieselbe Melodie.

Anna hatte sie früher oft gesungen.

Nachts wachte Michael mehrmals auf.

Manchmal nahm Martin ihn hoch, trat mit ihm vor die Haustür und blickte in den Himmel.

— Dort ist deine Mama, — flüsterte er und deutete auf die Sterne. — Siehst du den hellsten? Das ist sie.

Michael verstand natürlich kein Wort.

Er umklammerte nur mit seinen kleinen Fingern das Hemd seines Vaters.

Als der Junge ein Jahr alt wurde, erschien Friedrich mit einem kleinen Holzauto, das er selbst geschnitzt hatte.

— Für mein Patenkind.

Martin lächelte zum ersten Mal an diesem Tag.

— Wir haben ihn noch nicht einmal taufen lassen.

— Dann wird es höchste Zeit.

Martin schaute den alten Mann an.

— Willst du wirklich sein Pate werden?

Friedrich hob die Brauen.

— Ich war einer der Ersten, die ihn auf den Armen hatten. Ein bisschen habe ich mir das doch wohl verdient.

Marianne wurde Michaels Patin.

Nach der Taufe gingen sie gemeinsam auf den Friedhof.

Martin stellte den kleinen Jungen vor Annas Grab. Michael konnte noch nicht sicher stehen und hielt sich deshalb am Rand des Grabsteins fest.

— Hier ist deine Mama, — sagte Martin.

Michael blickte auf das Foto der jungen Frau.

Dann legte er die Handfläche darauf.

Und lächelte.

Martin drehte sich zur Seite.

Er wollte nicht, dass die anderen seine Tränen sahen.

Abschnitt sechs. Das Geheimnis des alten Heuschobers

Als Michael älter wurde, erzählte Martin ihm lange nicht, wo er geboren worden war.

Doch die anderen Kinder kannten die Geschichte.

In einem kleinen Dorf verschwindet die Vergangenheit nicht.

Was Erwachsene nur hinter vorgehaltener Hand erzählen, findet irgendwann seinen Weg auf den Schulhof.

Eines Tages kam der zehnjährige Michael mit aufgeplatzter Lippe nach Hause.

Martin sah ihn erschrocken an.

— Wer war das?

— Klaus.

— Warum habt ihr euch geprügelt?

Michael senkte den Blick.

— Er hat gesagt, man hätte mich auf einem Feld gefunden. Wie einen ausgesetzten Hund.

Martin schwieg.

Dann zog er einen Stuhl heran, setzte seinen Sohn an den Tisch und legte einen kalten Löffel gegen dessen Lippe.

— Man hat dich tatsächlich auf einem Feld gefunden.

Michael sah ihn an, als hätte er sich verhört.

— Dann hat Klaus die Wahrheit gesagt?

— Beim Wichtigsten hat er gelogen. Niemand hat dich ausgesetzt.

Zum ersten Mal erzählte Martin seinem Sohn die ganze Geschichte.

Von einem kalten Herbsttag.

Von dem Regen, der stundenlang nicht aufgehört hatte.

Von Anna, die merkte, dass die Geburt viel zu früh begann und trotzdem versuchte, die Sanitätsstation zu erreichen.

Von dem Feld und dem alten Heuschober.

Von den Wehen, die so schnell kamen, dass sie es nicht mehr bis ins Dorf schaffte.

Von der Geburt im nassen Gras.

Von Anna, die ihren Mantel auszog, obwohl sie selbst bereits vor Kälte zitterte, und den neugeborenen Sohn darin einwickelte.

Und von zwei Pilzsammlern, die am folgenden Tag mitten im Wind einen Laut hörten, den sie zuerst für das Schreien eines Vogels gehalten hatten.

Michael hörte schweigend zu.

Lange sagte er nichts.

Dann fragte er:

— Ist Mama wegen mir gestorben?

— Nein.

— Aber wenn es mich nicht gegeben hätte, wäre sie doch noch am Leben.

Martin packte seinen Sohn an den Schultern.

— Sag das nie wieder.

Michael erschrak über die Härte in seiner Stimme.

Martin atmete schwer.

— Deine Mutter starb nicht, weil sie dich bekommen hat. Sie starb, weil keine medizinische Hilfe bei ihr war, als sie sie brauchte. Und dich hat sie gerettet, weil sie dich mehr liebte als ihr eigenes Leben.

Michael blickte zum Foto seiner Mutter, das auf dem Schrank stand.

Nach einer Weile fragte er:

— Warum bist du damals weggefahren?

Martin erstarrte.

Dieser Satz tat mehr weh als jeder Vorwurf.

— Ich musste arbeiten.

— Wegen des Geldes?

— Ja.

— Was wäre gewesen, wenn du zu Hause geblieben wärst?

Martin ließ die Schultern sinken.

— Genau das frage ich mich seit jenem Tag.

— Und was antwortest du dir?

Martin sah aus dem Fenster.

— Dass ich die Vergangenheit nicht mehr ändern kann. Aber vielleicht kann man irgendwann aufhören, vor der Gegenwart davonzulaufen.

Abschnitt sieben. Annas Brief

Nach diesem Gespräch ging Martin zum alten Kleiderschrank.

Ganz hinten, unter sorgfältig zusammengelegten Sachen, lag ein Umschlag.

Man hatte ihn erst nach Annas Beerdigung in der Tasche ihrer Jacke gefunden.