„Sie ist nicht mehr rein“, sagte der Schwiegersohn kalt und setzte seine junge Frau vor die Tür – ohne zu ahnen, dass er ihr damit selbst den Weg in ein strahlendes neues Leben öffnete
— Jetzt auf einmal nicht?
— Ich meine nur… ich werde trotzdem nicht mit ihr zusammenleben.
Heinrich drehte sich langsam zu ihm.
— Dann sei besser still. Sonst vergesse ich noch, dass Marta mir gestern ausdrücklich gesagt hat, ich solle meine Hände bei mir behalten.
Er führte seine Frau zum Tor.
In diesem Moment kam Gertrud, Johannes’ Mutter, aus dem Haus. Offenbar hatte sie den Streit längst gehört.
Marta blieb stehen.
— Da ist ja meine Schwägerin. Vielleicht kannst du mir erklären, warum dein Sohn zuerst unsere Tochter heiratet und sie einen Monat später vor die Tür setzt. Ist Anna für euch ein Gegenstand, den man zurückbringt?
Gertrud zog ihr Kopftuch zurecht und seufzte.
— Marta, ich weiß selbst nicht alles. Sein Vater und ich haben versucht, mit ihm zu reden. Erst hat er gar nichts gesagt. Dann meinte er, eure Anna sei schon vorher mit jemandem zusammen gewesen. Johannes könne das eben nicht vergessen.
Heinrichs Gesicht verhärtete sich.
— Überleg dir gut, was du da sagst. Es gab keinen anderen Mann. Wir haben euch eine ehrbare Tochter gegeben. Wenn euer Sohn sie nicht mehr will, soll er wenigstens den Mut besitzen, das ehrlich zu sagen. Aber irgendwelche Geschichten über sie zu verbreiten, lasse ich nicht zu.
Gertrud verengte die Augen.
— Und woher willst du so genau wissen, was deine erwachsene Tochter gemacht hat? Ich glaube meinem Sohn.
Heinrich wandte sich voller Abscheu ab.
— Dann glaubt, was ihr wollt. Wir werden auch diesen Dreck überstehen. Und das Gerede der Leute gleich mit. Komm, Marta. Hier ist jedes weitere Wort verschwendet. Ich hatte schon damals kein gutes Gefühl bei Johannes.
Marta blieb noch einmal stehen.
— Annas Sachen müssen wir trotzdem holen.
— Holt sie, wann ihr wollt, — sagte Johannes schnell, offenbar erleichtert, dass das Gespräch endlich endete.
Heinrich sah ihn an.
— Gib mir zwei Tage. Dann komme ich mit dem Wagen.
Auf dem Rückweg sprachen Marta und Heinrich lange kein Wort.
Der erste Schnee knirschte unter ihren Schuhen. Ihnen fiel weder auf, wie hell die Felder geworden waren, noch wer ihnen unterwegs begegnete.
Schließlich brach Marta das Schweigen.
— Wenn es wenigstens niemand erfahren würde. Aber so etwas bleibt in einem Dorf nicht geheim. Gertrud wird mit den Nachbarinnen reden und ihren Sohn verteidigen. Bald erzählt jeder seine eigene Version. Womit haben wir das verdient? Anna saß zu Hause, war zufrieden, hatte es mit dem Heiraten überhaupt nicht eilig. Dann kam Johannes wie ein Sturm. Zwei-, dreimal stand er abends bei uns vor der Tür, und schon sprach er von Hochzeit. Anna wusste kaum, wie ihr geschah. Und ich war noch froh. Ich dachte: Wenn ein anständiger junger Mann sie so unbedingt will, muss es eben ihr Glück sein.
Zwei Tage später holte die Familie Annas Sachen.
Ein kräftiges Pferd zog den kleinen Wagen über die verschneite Straße. Johannes war nicht da. Es wirkte beinahe, als hätte er absichtlich dafür gesorgt.
Gertrud stand auf der Veranda und beobachtete mit verschlossener Miene, wie Truhen, Bündel, Bettzeug und Annas wenige persönlichen Dinge aufgeladen wurden.
Als schon fast alles verstaut war, kam Johannes’ Vater um die Hausecke. Er hob grüßend die Hand.
Heinrich brauchte ihn nur anzusehen.
Der Mann ließ den Arm wieder sinken und schaute zu Boden.
Die Leine schnalzte.
Der Wagen setzte sich langsam in Bewegung.
Bis zum Haus der Bergmanns sagte niemand etwas.
Ebenso schweigend trugen sie alles hinein. Marta packte die Bettwäsche aus, die sie selbst für die Aussteuer ihrer jüngeren Tochter vorbereitet hatte. Sie strich über die sauber bestickten Kissenbezüge und erinnerte sich daran, wie sorgfältig sie jeden einzelnen Gegenstand beiseitegelegt hatte, lange bevor sie wusste, wen Anna einmal heiraten würde.
Da kamen ihr die Tränen.
Kurz darauf stürmte Grete herein.
Sie zog nicht einmal ihren Mantel aus, sondern ging sofort zu ihrer Schwester und schloss sie fest in die Arme.
Anna hatte sich bis dahin beherrscht. Nicht einmal nachts hatte sie richtig geweint.
Jetzt legte sie den Kopf an Gretes Schulter.
Und plötzlich brach alles aus ihr heraus.
Sie schluchzte fast lautlos, aber ihr ganzer Körper bebte. Es war, als hätte sie sich erst in den Armen ihrer Schwester erlaubt, zusammenzubrechen.
— Komm, — sagte Grete sanft. — Du erzählst mir jetzt alles. Vom ersten bis zum letzten Wort. Vielleicht wird es danach wenigstens ein bisschen leichter.
Sie nahm Anna mit in das hintere Zimmer, weg von den Eltern.
Erst im Gespräch mit ihrer Schwester begriff Anna allmählich, dass es Anzeichen gegeben hatte, die sie nicht hatte sehen wollen.
Johannes war nicht von einem Tag auf den anderen kalt geworden.
Es hatte langsam begonnen.
Er sprach weniger. Sein Blick glitt über sie hinweg. Er kam später nach Hause, wirkte gereizt und antwortete knapp.
Anna hatte die Schuld bei sich gesucht.
Vielleicht führte sie den Haushalt noch nicht gut genug.
Vielleicht kochte sie nicht so, wie er es gewohnt war.
Vielleicht war sie als Ehefrau zu unbeholfen.