Sie wollte eine Woche allein am Meer verbringen – doch vor der Ferienwohnung wartete bereits eine fremde Frau mit zwei Koffern und behauptete, sie habe genau dieselbe Unterkunft gebucht
„Auf diesem Sofa kann ich nicht schlafen“, erklärte sie, ohne sich umzudrehen. „Danach fühlt sich mein Rücken an wie der einer alten Haflinger-Stute. Sie sind jung, Sie halten das aus.“
Klara war keineswegs überzeugt, dass sie das aushalten würde. Doch nach der langen Fahrt fehlte ihr jede Kraft für einen weiteren Streit.
Am Abend sprachen sie kaum miteinander. Erika packte langsam, gründlich und mit einer Ordnungsliebe aus, die Klara beinahe beeindruckte. Aus dem blauen Koffer kamen ein eigenes Kissen mit geblümtem Bezug, eine kleine Espressokanne, eine in ein Geschirrtuch gewickelte Packung Kaffee und vier verschiedene Hüte. Klara beobachtete sie vom Sofa aus und dachte an den Inhalt ihres Rucksacks: zwei kurze Hosen, ein Badeanzug, Sonnencreme und ein Buch, das sie im vergangenen Sommer nicht zu Ende gelesen hatte.
Punkt zehn Uhr schaltete Erika das Radio ein. Nicht laut, aber eindeutig hörbar. Zuerst lief eine Sendung über Kleingärten, danach erklangen alte Schlager.
„Sie wollen das jetzt wirklich hören?“, fragte Klara in die Dunkelheit.
„Seit dreißig Jahren schlafe ich bei laufendem Radio ein. Oder möchten Sie, dass ich ausgerechnet heute Nacht wach liege?“
Klara drehte sich zur Wand und zog das Kissen über den Kopf. Kurz bevor sie einschlief, dachte sie, dies sei der schlimmste Urlaub ihres Lebens. Er hatte genauso begonnen wie das gesamte vergangene Jahr – vollkommen anders, als sie es geplant hatte.
Klara erwachte vom Duft frisch gebrühten Kaffees.
Nicht von jenem dünnen Getränk, das an Tankstellen aus Automaten tropfte, sondern von echtem Kaffee: kräftig, dunkel und mit einer leichten Bitterkeit, die selbst einen noch halb schlafenden Menschen aus dem Bett lockte. Die Balkontür stand offen, und das Sonnenlicht hatte bereits die Mitte des Zimmers erreicht. Erika saß an dem kleinen Tisch draußen und trug ihren zweiten Hut – einen weißen mit schwarzem Band.
Auf dem Tisch standen zwei Tassen.
Ganz offensichtlich zwei.
„Setzen Sie sich, bevor der Kaffee kalt wird“, sagte Erika, als wäre am Vorabend zwischen ihnen nichts geschehen. „Ich war schon auf dem Markt.“
„Wann sind Sie denn aufgestanden?“
„Um sechs. Um diese Uhrzeit bekommt man die besten Pfirsiche. Um neun sind die Preise besser. Also bin ich um sieben gegangen, damit ich beides bekomme.“
Auf dem Teller lagen gelbe Pfirsiche mit roten Wangen, ein Stück würziger Käse, Tomaten, die nach Sommer und fremden Gärten dufteten, und ein halbes, noch warmes Bauernbrot.
„Wie viel soll ich Ihnen geben?“, fragte Klara und griff nach ihrer Geldbörse.
„Gar nichts. Alles zusammen hat weniger gekostet, als der Händler zuerst für die Pfirsiche allein verlangt hat. Neben mir stand ein Mann, der offenbar glaubte, handeln zu können.“ Erika nahm einen Schluck Kaffee. Zum ersten Mal lächelte sie. „Er konnte es nicht.“
Sie frühstückten fast schweigend, doch diesmal fühlte sich die Stille nicht mehr bedrückend an. Unten führte jemand einen Hund aus. Vom Strand her drangen Stimmen herauf, und neben den Mülltonnen vor dem Café stritten Möwen lautstark um etwas, das vermutlich einmal ein Fischbrötchen gewesen war.
„Ich komme seit dreißig Jahren hierher“, sagte Erika plötzlich. „Immer mit meiner Schwester Gisela, jeden Sommer. Dieses Jahr muss sie auf ihre Enkel aufpassen, weil ihre Schwiegertochter wieder arbeitet. Ich sagte, dann würde ich eben allein fahren. Gisela fragte: ‚Meinst du das ernst? Du bist noch nie ohne mich verreist.‘“
Erika stellte die Tasse ab.
„Ich habe darüber nachgedacht und beschlossen, dass ich es irgendwann ohnehin versuchen muss. Also bin ich gefahren. Und dann waren Sie hier.“
Klara lachte. Zum ersten Mal seit langer Zeit wusste sie nicht einmal mehr, wann sie zuletzt wirklich gelacht hatte.
Markus rief gegen Mittag an. Ein Bekannter von ihm könne ein Zimmer in einem Haus drei Straßen weiter anbieten. Der Weg zum Meer war länger, einen Balkon gab es nicht, dafür wäre Klara dort allein.
„Ich kann sofort kommen und eine von Ihnen hinbringen“, bot Markus an.
Klara sah zu Erika. Diese stand vor dem Spiegel und setzte gerade ihren dritten Hut auf – einen Strohhut mit einer kleinen Gänseblümchenblüte am Band.
„Geben Sie uns eine Stunde zum Nachdenken“, bat Klara.
Sie gingen in ein Café um die Ecke, in dem es, wie Erika behauptete, die besten Fischfrikadellen der gesamten Küste gab. Klara bezweifelte das zunächst. Nach der ersten Portion bestellte sie eine zweite.
„Also?“, fragte Erika und wischte sich die Finger mit einer Papierserviette ab. „Wer von uns zieht um?“
„Ich weiß es nicht. Sie haben gestern selbst gesagt, dass Sie nur eine Nacht bleiben.“
„Das habe ich gesagt.“ Erika blickte aus dem Fenster zu den Menschen, die mit aufgeblasenen Schwimmringen Richtung Strand liefen. „Hören Sie, Klara. Ich kenne das Haus drei Straßen weiter. Die Vermieterin hält Hühner direkt unter den Fenstern, und der Hahn beginnt um vier Uhr morgens zu krähen. Warum sollten Sie sich so einen Nachbarn antun?“
„Und Ihr Radio um zehn Uhr abends ist besser?“