„Wo sind die Frikadellen?“ – Als der faule Bruder ihres Mannes zwanzig selbstgemachte Fleischklopse verschlang und danach noch mehr verlangte, zog Klara endlich eine Grenze, die ihre ganze Familie veränderte
„Wo sind die Frikadellen? Ich habe gestern Abend eine ganze Schüssel voll gemacht. Zwanzig Stück waren es bestimmt, wenn nicht noch mehr.“ Klara starrte fassungslos auf den leeren Topf, der einsam im Regal stand.
Dann wandte sie sich zu dem Mann, der am Küchentisch saß. Stefan, der Bruder ihres Mannes, stocherte gelangweilt zwischen seinen Zähnen herum. Auf seinem Teller waren nur noch fettige Spuren und ein paar Paniermehlkrümel zu sehen. Auf die Idee, das Geschirr wegzuräumen, war er natürlich nicht gekommen, obwohl er den gesamten Tag zu Hause verbracht hatte.
„Na und? Ich habe sie gegessen“, erwiderte er gleichgültig, ohne den Blick von seinem Handy zu lösen. „Sie waren lecker. Nur etwas zu wenig Salz. Beim nächsten Mal musst du mehr nehmen. Eine Beilage gab es ja auch nicht, deshalb musste ich sie mit Brot aufessen.“
In Klara stieg langsam ein schwerer, kaum noch zu bändigender Ärger hoch. Gerade war sie von der Arbeit gekommen. Nach ihrer Schicht im Krankenhaus schmerzten ihr die Füße, der Rücken brannte, und sie wollte eigentlich nur schnell etwas essen und sich hinlegen. Am Vorabend hatte sie zwei Stunden am Herd gestanden, damit für mehrere Tage genug Essen da war. Sie hatte gehofft, heute einmal nichts kochen zu müssen.
„Stefan, das war das Abendessen für uns alle. Es sollte für mehrere Tage reichen“, sagte sie langsam und bemühte sich, ihre Stimme ruhig zu halten. „Wir sind zu dritt in dieser Wohnung. Hast du tatsächlich an einem einzigen Tag zwanzig Frikadellen gegessen?“
„Was ist denn dabei?“ Er sah nun endlich vom Handy auf. Sein Gesicht wirkte so unschuldig, als verstünde er wirklich nicht, worüber sie sich aufregte. „Ich bin nun mal ein kräftiger Mann und brauche entsprechend Energie. Mein Körper verlangt danach. Kann ich etwas dafür, dass du so winzige Kinderportionen machst?“
„Kinderportionen?“ Klara schlug die Kühlschranktür zu. Die Magnete daran klirrten erschrocken. „Zwei Kilo Hackfleisch sind für dich eine Kinderportion? Weißt du überhaupt, was die Lebensmittel kosten? Und wie viel Zeit ich dafür gebraucht habe?“
„Ach, jetzt geht das wieder los“, stöhnte Stefan und verzog das Gesicht. „Klara, stell dich nicht so an. Essen ist eben Essen. Wenn Martin nach Hause kommt, sagst du ihm einfach, er soll Ravioli kaufen, falls dir das Kochen zu viel ist. Ich bin schließlich nicht wählerisch. Fertiggerichte esse ich auch, solange sie anständig schmecken.“
Klara antwortete nicht. Sie verließ die Küche, bevor ihr die Geduld endgültig riss. Einen Streit wollte sie nicht, schon gar nicht nach einem langen Arbeitstag. Im Schlafzimmer ließ sie sich schwer auf die Bettkante sinken und atmete tief durch.
Stefan wohnte inzwischen seit fast drei Monaten bei ihnen. „Nur vorübergehend“, hatte ihr Mann Martin gesagt, als er seinen Bruder am Bahnhof abgeholt hatte. In der anderen Stadt war angeblich alles schiefgegangen. Mal war von Schwierigkeiten bei der Arbeit die Rede, mal von Problemen in seinem Privatleben. Genau wusste niemand, was eigentlich passiert war. Stefan behauptete, er sei gekommen, um „neue Möglichkeiten zu suchen“.
Nur suchte er ausgesprochen gemächlich. Die meiste Zeit lag er auf dem Sofa, sah Serien oder schrieb Nachrichten in sozialen Netzwerken. Zu Vorstellungsgesprächen ging er selten. Seine Erklärung dafür war immer dieselbe:
„Für ein paar Kröten arbeite ich nicht. Etwas Anständiges hat sich bisher eben noch nicht ergeben.“
Martin war die Situation sichtlich unangenehm, doch er schwieg meistens.
„Er ist nun einmal mein Bruder, Klara. Meine eigene Familie. Ich kann ihn doch nicht einfach auf die Straße setzen. Hab noch ein bisschen Geduld. Sobald er eine Arbeit findet, zieht er aus.“
Klara hatte Geduld gehabt. Sie war kein herzloser Mensch, und gegen einen Teller Suppe für einen Verwandten hatte sie nie etwas einzuwenden. Doch aus einem gelegentlichen Gefallen war längst etwas völlig anderes geworden.
Der bescheidene Teller Suppe hatte sich unbemerkt in die vollständige Versorgung eines gesunden vierzigjährigen Mannes verwandelt. Stefan kaufte nichts ein. Kein Brot, keine Milch, nicht einmal Salz. In seinen Augen war es offenbar selbstverständlich, dass sein Bruder ihn ernährte, schließlich lebte er ja „bei der Familie“. Und kochen sollte selbstverständlich Klara. Hausarbeit und Essen seien schließlich Frauensache, hatte er mehr als einmal verkündet.
Am Abend kam Martin nach Hause. Sein Gesicht war grau und müde, die Schultern hingen herab. Die Arbeit auf der Baustelle raubte ihm beinahe jede Kraft.
„Hallo, mein Schatz.“ Er küsste Klara auf die Wange. „Gibt es etwas zu essen? Ich bin völlig ausgehungert.“
Klara deutete wortlos auf den Herd.
„Nein, Martin. Es gibt nichts.“
„Wie bitte? Du hast doch gestern gesagt, dass du Frikadellen gemacht hast.“
„Dein Bruder hat alles gegessen. Bis auf die letzte. Die Beilage ebenfalls. Und die Wurst, die ich für unser Frühstück gekauft hatte, ist auch weg. Im Kühlschrank stehen nur noch Senf und eine alte Zitrone.“
Martin schloss kurz die Augen und rieb sich über die Stirn.