Vom Nachtzug nach Hamburg: Als sieben Männer glaubten, eine Frau im Wald begraben zu haben, begann ihr Weg in die Vergeltung erst wirklich
— Was ist mit dir geschehen?
— Ich brauche Papiere. Einen anderen Namen. Zugang zu den Archiven.
— Begreifst du, wie das enden kann?
— Ich suche meinen Vater, — log sie ohne ein Zittern in der Stimme.
Er sah sie lange an. Dann öffnete er wortlos den Tresor. Er hatte alles verstanden. Aber er hielt sie nicht auf.
Helene kehrte in ihr kleines Zimmer in Charlottenburg zurück. Sie trat vor den Spiegel und schrieb mit Lippenstift auf das Glas: „Brandnarbe“, „Tätowierung“, „Ring“, „Uhr“, „Stimme“.
Sieben Ziele.
Sie erinnerte sich an einen Satz, den einer von ihnen über den Norden und den Hafen gesagt hatte. Das war ein Faden.
Sie wischte die Worte fort und kaufte eine Fahrkarte nach Hamburg.
Sie hatte nicht vor, diese Männer vor ein Gericht zu bringen. Für sie würde es ein anderes Urteil geben.
Einer nach dem anderen würde verschwinden — leise, ohne Aufsehen, ohne Spuren.
Die Jagd hatte begonnen. Und die Beute wusste noch nicht, dass ein Raubtier bereits ihrer Fährte folgte.
Der Zug nach Norden zog sich durch endlose, vereiste Ebenen, als wolle das Land selbst die Strecke zwischen dem Vergangenen und dem, was Helene zu tun gedachte, verlängern. Die Wagen brummten vor Gesprächen, Gelächter und fremden Geschichten, doch sie hörte nichts davon. Sie saß am Fenster, sah weiße Felder in dunkle Wälder übergehen und ließ jede Einzelheit jener Nacht wieder und wieder durch ihr Gedächtnis laufen.
Keine Gefühle. Kein Schmerz. Nur Tatsachen.
Brandnarbe.
Tätowierung.
Ring.
Uhr.
Stimme.
Sie wusste: Gefühle stören. Also mussten sie ausgebrannt werden, genauso gründlich, wie der Krieg alles Übrige in ihr verbrannt hatte.
Hamburg empfing sie mit scharfem Wind und feuchter Kälte. Die Stadt lebte ihr raues Leben — laut, grob, voll von Menschen, die es gewohnt waren, zu überleben und nicht zu viele Fragen zu stellen. Hier, am Rand des Wassers, konnte man leicht untertauchen. Und ebenso leicht jemanden finden, der glaubte, für immer untergetaucht zu sein.
Helene mietete ein Zimmer bei einer älteren Witwe und gab sich als Lehrerin aus, die eine Stelle im Norden angenommen hatte. Die Frau fragte nichts. Sie zeigte nur auf ein schmales Bett, einen alten Tisch und den Ofen in der Ecke.
In dieser Nacht schloss Helene kein Auge.
Sie baute einen Plan.
Zuerst Informationen. Dann Beobachtung. Erst danach Handlung.
Fehler durfte es nicht geben.
Die erste Spur fand sie unter Hafenarbeitern. Mehrere Abende hintereinander saß Helene in einer billigen Kantine am Kai, lauschte Gesprächen, merkte sich Gesichter, Stimmen, Gewohnheiten. Sie konnte zwischen Menschen verschwinden, bis sie niemand mehr war.
Und eines Abends hörte sie es.
— Hast du von dem Roten gehört? — sagte einer und senkte die Stimme. — Die halbe Fresse sieht aus, als wäre Feuer drübergelaufen. Treibt sich mit Altgold rum, klaut bei den Grubenleuten und macht Geschäfte am Hafen.
Ihr Herz zuckte nicht. Sie legte nur den Löffel zur Seite.
Brandnarbe.
— Wo findet man ihn?
— Wenn er will, findet er dich. Im „Nordlicht“ hängt er oft herum.
Helene nickte, als ginge sie das Gespräch nichts an.
Noch am selben Abend ging sie dorthin.
Die Schankstube war laut, verraucht und voller Menschen mit schweren Blicken. Hier fragte man nicht nach Namen. Hier sah man nur darauf, wie jemand den Rücken hielt.
Sie trat ruhig ein, setzte sich in die hinterste Ecke und bestellte Tee.
Dann wartete sie.
Nach ungefähr einer Stunde kam er.
Das Gesicht entstellt, die Haut straff und vernarbt, als habe eine Flamme sie zusammengezogen. Sein Lachen war heiser und unangenehm. Er bewegte sich mit der Selbstsicherheit eines Mannes, der sich für den Besitzer des Ortes hielt.
Helene hob den Kopf nicht.
Und sah doch alles.
Den Gang. Die Hände. Die Gesten.
Er war es.
Der Erste.
Sie ging nicht zu ihm. Sie sah ihm nicht ins Gesicht.
Sie verließ die Schankstube, bevor er sie bemerken konnte.
Die nächsten drei Tage folgte Helene ihm wie ein Schatten. Sie erfuhr, wo er wohnte, wen er traf, welche Wege er nahm. Sie hatte keine Eile.
Geduld war ihre Waffe.
Er mietete ein Zimmer am Stadtrand. Oft kam er spät und betrunken zurück. Schutz hatte er keinen — er glaubte viel zu sehr an seine eigene Unantastbarkeit.
In der vierten Nacht stand Helene vor seinem Haus.
Die Dunkelheit war dicht wie damals im Wald.
Sie stand reglos und lauschte.
Schritte. Das Knarren einer Tür. Seine Stimme.
Er war zurück.
Ein paar Minuten später erlosch im Fenster das Licht.
Helene ging näher.
Leise.
Ohne einen Laut.
Sie drang ein, wie sie einst in feindliche Stabsquartiere eingedrungen war.
Er begriff nichts mehr rechtzeitig.
Er öffnete nur die Augen, als sie bereits neben ihm stand.
— Du… — krächzte er und versuchte sich aufzurichten.
Sie ließ es nicht zu.
Ihre Hand legte sich auf seine Brust und drückte ihn in die Matratze zurück.
— Erinner dich, — sagte sie leise.
Er starrte sie leer an, ohne zu verstehen.
Dann verstand er.
Die Angst flammte sofort auf.
— Nein… warte…
Aber Helene hatte sich schon abgewandt.
Sie hörte nicht zu.
Für sie war er kein Mensch mehr.