Was hast du dir eigentlich vorgestellt, als du zu deiner jungen Geliebten gezogen bist – dass deine Frau dein altes Leben wie ein Zimmer für dich aufbewahrt?

Выкл. Автор ChatGpt
Was hast du dir eigentlich vorgestellt, als du zu deiner jungen Geliebten gezogen bist – dass deine Frau dein altes Leben wie ein Zimmer für dich aufbewahrt?

„Was hast du dir eigentlich vorgestellt, als du zu deiner jungen Geliebten gegangen bist? Dass deine Frau brav auf dich wartet?“ Die Stimme von Frau Gertrud Weber schien durch die dünnen Wände des Treppenhauses zu sickern. Ihre Worte hingen in der dämmrigen Luft des Hausflurs wie das Summen einer Mücke an einem warmen Juniabend.

…Vor der Tür seiner früheren Wohnung am Rand von Leipzig stand Thomas und brachte es nicht fertig, den Finger auf den abgewetzten Klingelknopf zu legen. Seit einem Jahr lebte er in einer fremden, grelleren Welt, in der alles leichter, glänzender, jünger gewirkt hatte. Doch der Geruch der alten Tapeten im Plattenbau, das matte Licht im Flur, in dem sein früheres Leben wie Brot im Ofen langsam gebräunt war, hatte ihn nachts nie ganz losgelassen. Das Haus schien sich in seinem Kopf zu drehen wie eine alte Schallplatte, die immer wieder dieselbe traurige Stelle abspielte.

Dann presste er doch auf den kalten Metallknopf. Irgendwo hinter der Tür flog der helle Klingelton durch leere Zimmer, als hätte eine Stimme aus dem Keller seiner Erinnerung gerufen. Sein Herz schlug hart gegen die Rippen, wild und fremd, als stünde etwas Unausweichliches vor ihm: Schnee auf warmen Handflächen, beschlagene Fensterscheiben, ein vergessenes Schulheft in der Dunkelheit…

Vor einem Jahr war sein Fortgehen gewesen, als hätte er sich selbst bestohlen. Er hatte nur einen blassen Zettel dalassen wollen, mit diesem armseligen Satz: Verzeih mir, ich liebe eine andere. Ich gehe. Aber Katrin kam an jenem Tag früher nach Hause, stürzte in die Küche und sah ihren Mann mit gepackter Tasche. Thomas brachte kaum ein Wort gerade heraus. Die Sätze stolperten ihm weg wie Füße auf regennassen Stufen. In Katrins Schweigen saß ein Schmerz, der bis oben hin zugeknöpft war.

Er verlor die Nerven, riss die Tasche hoch und stürzte zur Tür. Fast alles ließ er zurück. Nur der Reißverschluss der alten Reisetasche schnappte so heftig zu, dass ihm der kleine Metallgriff in der Hand blieb, wie ein winziges Zeichen für die Leere, die gleich kommen würde. Auf dem Küchentisch lagen ein paar Scheine für Katrin und die Mädchen, für die ersten Tage…

Er und Katrin hatten sich kennengelernt, als wäre es in einem anderen Leben gewesen. Hatten sie sich geliebt? Vermutlich ja. Sonst hätten sie nicht so lange aneinander festgehalten. Ihre Ehe begann im Leipziger Standesamt und in einer grauen Einzimmerwohnung, die Thomas von seiner Urgroßmutter geerbt hatte. Dann kam die erste Tochter zur Welt. Thomas arbeitete in einer Bank, Katrin kümmerte sich um das Kind und quälte sich nebenbei durch ihr Studium.

Später machte sie ihren Abschluss als Heilpädagogin und fand Arbeit in demselben Kindergarten, in den auch ihre Tochter ging. Nach einigen Jahren wurde aus der kleinen Familie eine mit zwei Mädchen.

Die Nachbarn hielten sie für ein gutes Paar, vielleicht sogar für ein Vorbild. Und vielleicht waren sie das für eine Weile wirklich. Katrin kochte wie eine Frau aus einem alten Märchenbuch, sie hielt die Wohnung in Ordnung und brachte den Kindern bei, wie man Schuhe bindet, Danke sagt und sich nicht vor dem Leben duckt. Auch für ihren Mann fand sie noch Kraft. Aber in Thomas nagte etwas. Eine dumpfe Leere, als wäre jeder Tag unter diesem Himmel ein wenig zu lang.

Zwei Jahre vor seiner seltsamen Rückkehr trat Leonie in sein Leben, obwohl alle sie nur Leni nannten, und sie selbst bestand am meisten darauf. Sie begann in der Buchhaltung der Bank, in der Thomas arbeitete, und wurde fast sofort zur stillen Muse der männlichen Kollegen. Komplimente flatterten um sie herum wie Porzellantassen auf einer festlichen Kaffeetafel.

Anfangs nahm Thomas die junge Kollegin kaum wahr. Doch bei einem Betriebsausflug in den Wald, als der Bus die Belegschaft über eine verlassene herbstliche Landstraße brachte, saßen sie plötzlich nebeneinander. Ein Satz zog den nächsten nach sich, und auf einmal drehte sich die Wirklichkeit in eine Richtung, die er nicht mehr aufhalten konnte.

Leni wollte nicht lange die Geliebte bleiben. Nach wenigen Monaten stellte sie ihm das Ultimatum: Entweder dein altes Leben oder ich. Thomas war weder für die Scheidung noch für dieses neue, elektrisch flimmernde Glück bereit. Trotzdem gab er ihren kindlich trotzigen Angriffen nach und zog zu ihr.

Die Verhandlung vor Gericht war kalt und knapp. Katrin erschien nicht. Die Richterin las mit trockener Stimme vor: keine gegenseitigen Ansprüche, die Kinder bleiben bei der Mutter. Thomas überwies Geld, ließ die Wohnung seiner früheren Frau und den Töchtern. Er wagte es nicht, die Kinder zu besuchen. Nicht, weil er sie nicht liebte, sondern weil er keine Worte fand, die seine wirre Scham verdeckt hätten. Also zahlte er den Unterhalt pünktlich, streng wie ein Metronom, und tat sonst nichts.

Das erste halbe Jahr mit Leni wirkte wie eine neue Einrichtung, zu hell, zu glatt, zu viel von allem: Abende in Dresdner Cafés, Wochenenden bei ihren Eltern im Gartenhaus, endlose Gespräche über die bevorstehende Hochzeit. Es schien, als hätte sich das Glück endgültig auf seine Schultern gesetzt, als wäre ihm eine zweite Seele gewachsen.