Weil es mir plötzlich schlecht ging, nahm ich mir frei und legte mich zu Hause ins Bett – doch als sich leise ein Schlüssel im Schloss drehte und mein Mann hereinkam, entdeckte ich ein Geheimnis, mit dem ich niemals gerechnet hätte

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Weil es mir plötzlich schlecht ging, nahm ich mir frei und legte mich zu Hause ins Bett – doch als sich leise ein Schlüssel im Schloss drehte und mein Mann hereinkam, entdeckte ich ein Geheimnis, mit dem ich niemals gerechnet hätte

Weil es mir an diesem Tag miserabel ging, meldete ich mich bei der Arbeit ab, fuhr nach Hause und kroch sofort unter die Decke. Einige Zeit später riss mich ein kaum hörbares Geräusch aus dem Halbschlaf: Ein Schlüssel drehte sich vorsichtig im Schloss der Wohnungstür. Mein Mann hatte gesagt, er sei beruflich unterwegs, und ich erwartete niemanden. Ich versteckte mich hinter dem Sofa und erstarrte, als ich sah, wer hereinkam: mein eigener Ehemann. Er ging zum Bett, goss dort etwas aus und verließ die Wohnung kurz darauf ebenso leise, wie er gekommen war …

Um halb sieben hatte der Wecker schrill geklingelt. Katharina brachte die Augen kaum auf. Ihre Schläfen pochten, jeder Muskel schmerzte, und der Hals brannte so sehr, dass selbst ein Schluck Wasser unangenehm war. Sie versuchte sich aufzurichten, doch ihre Beine fühlten sich schwer und kraftlos an. Also sank sie wieder in die Kissen zurück. Draußen prasselte ohne Unterbrechung Regen gegen die Scheiben, und ein tief hängender grauer Himmel machte den Morgen noch trostloser.

Neben ihr war das Bett längst leer. Ihr Mann Michael war wie gewöhnlich gegen sieben Uhr aus dem Haus gegangen. Bevor er die Tür hinter sich zuzog, hatte er ihr sanft einen Kuss auf die Stirn gegeben und gesagt: „Du solltest dich heute wirklich ausruhen. In letzter Zeit gehst du viel zu hart mit dir um.“ Katharina hatte müde gelächelt. „Es geht schon. Ich muss heute einen wichtigen Bericht abgeben. Ich kann nicht einfach fehlen.“ Michael hatte nur den Kopf geschüttelt. „Bei dir dreht sich immer alles um die Arbeit. Pass wenigstens ein bisschen auf dich auf.“ Nachdem er gegangen war, blieb Katharina noch einige Minuten liegen und starrte an die Decke. Dann zwang sie sich doch zum Aufstehen.

Im Badezimmer sah ihr aus dem Spiegel eine Frau entgegen, die sie kaum wiedererkannte. Ihr Gesicht war blass, die Augen gerötet und geschwollen. Das Thermometer zeigte 38,7 Grad. Katharina atmete erschöpft aus. In acht Jahren als Buchhalterin war sie fast nie wegen Krankheit zu Hause geblieben, selbst dann nicht, wenn sie sich elend fühlte. Sie hatte immer geglaubt, ihre Kollegen nicht im Stich lassen und ihnen ihre Aufgaben nicht aufbürden zu dürfen. Doch an diesem Morgen schien ihr Körper endgültig beschlossen zu haben, nicht mehr mitzumachen.

Sie suchte die Nummer ihres Vorgesetzten heraus und rief an.

— Herr Berger, entschuldigen Sie bitte, aber mir geht es heute wirklich schlecht. Könnte ich mir für heute freinehmen?

— Natürlich. Und kommen Sie bloß nicht auf die Idee, trotzdem ins Büro zu fahren, — antwortete er sofort. — Werden Sie erst einmal gesund. Die Arbeit läuft nicht weg.

Katharina bedankte sich und legte auf. Anschließend ging sie noch in die kleine Apotheke unweit ihrer Wohnung, kaufte Medikamente, Tee, ein Glas Honig und ein paar Zitronen. Als sie wieder nach Hause kam, wurde ihr im Flur so schwindelig, dass sie sich gerade noch an der Wand abstützen konnte. Sie zog sich rasch um, nahm die Tabletten, kochte sich heißen Tee und legte sich, ohne die warmen Socken auszuziehen, wieder ins Bett. Schon nach wenigen Minuten fühlte sie sich ein wenig ruhiger. Ihre Lider wurden schwer, und der Schlaf zog sie langsam hinunter.

Dann hörte sie ein leises Klicken.

Katharina war sofort wach.

Sie blickte auf die Digitaluhr. 11:15 Uhr. „Bestimmt sind das die Nachbarn“, dachte sie zunächst. Doch kurz darauf kamen aus dem Flur gedämpfte, vorsichtige Schritte. Nein, sie hatte sich nicht getäuscht. Jemand war tatsächlich in der Wohnung.

Langsam setzte sie sich auf. Ihr Herz schlug von Sekunde zu Sekunde schneller. Michael kam um diese Uhrzeit niemals von der Arbeit zurück. Katharina schlich zur Schlafzimmertür und öffnete sie nur einen winzigen Spalt. Aus Richtung Küche waren leise Stimmen zu hören. Eine davon erkannte sie sofort: Michael. Die andere gehörte einer Frau, deren Stimme ihr unbekannt vorkam.

Katharina spürte, wie sich etwas schmerzhaft in ihrer Brust zusammenzog.

— Mach dir keine Sorgen, sie ist um diese Zeit ganz sicher im Büro, — sagte Michael gedämpft.

Die Frau lachte leise.

— Dann ist ja gut. So können wir in Ruhe alle Unterlagen durchgehen.

„Welche Unterlagen?“, fragte sich Katharina. Für einen Augenblick hatte sie mit einem völlig anderen Gespräch gerechnet. Durch den schmalen Türspalt konnte sie einen Teil der Küche sehen. Michael und die fremde Frau saßen sich am Tisch gegenüber. Zwischen ihnen lagen ein dicker Ordner, mehrere Papiere, Umschläge und ein aufgeklappter Laptop. Katharina hielt den Atem an und lauschte.

— Bist du wirklich sicher, dass sie nichts ahnt? — fragte die Frau.

— Ganz sicher, — antwortete Michael ruhig. — Für sie wird das eine echte Überraschung.

Katharina zog die Stirn kraus. Was für eine Überraschung sollte das sein? Und warum musste Michael dafür heimlich in die Wohnung kommen? Wieso war er so überzeugt davon, dass sie bei der Arbeit war? Immer mehr Fragen schossen ihr durch den Kopf. Sie war schon kurz davor, die Tür aufzureißen und in die Küche zu treten, als sie den nächsten Satz hörte.

— Das Wichtigste ist, dass alles vor ihrem Geburtstag fertig ist.

Die Frau nickte.

— Dann wird es wirklich perfekt.

Katharina merkte, wie ihre erste Panik ein wenig nachließ. Vielleicht plante Michael tatsächlich ein Geschenk für sie. Aber weshalb dieser ganze Aufwand? Warum all die Heimlichkeit? Im nächsten Moment griff ihr Mann in den Ordner und zog mehrere Fotos heraus.

Katharina erstarrte erneut.

Auf den Bildern war sie selbst zu sehen, einige Jahre jünger, bei einer Betriebsfeier. Neben ihr stand ihr damaliger Chef, mit dem sie zu jener Zeit ein ziemlich angespanntes Verhältnis gehabt hatte. Katharina erinnerte sich genau an diese Fotos. Sie waren eher zufällig entstanden, und die Kollegen hatten sie später noch lange damit aufgezogen. Damals hatte sie nur abgewunken und mitgelacht. Michael schien den Bildern nie besondere Bedeutung beigemessen zu haben. Warum lagen sie nun vor ihm auf dem Küchentisch?

— Ich habe sie in einem alten Fotoalbum gefunden, — sagte Michael und breitete die Aufnahmen vor sich aus. — Sie behauptet bis heute, sie hätte diesen Abend gehasst. Aber ich glaube, das sind einige der wenigen Bilder, auf denen sie wirklich unbeschwert lacht. Erinnerst du dich? Ich habe dir erzählt, dass wir uns damals zum ersten Mal begegnet sind.

Die Frau lächelte.

— Natürlich erinnere ich mich. Deshalb willst du also eine Fotocollage für sie machen?

— Nicht nur das, — sagte Michael geheimnisvoll.

Er nahm einige Tickets aus einem Umschlag.

— Wir fahren nach Heidelberg. Ganze zwei Wochen. Ich will, dass sie an ihrem Geburtstag endlich wieder weiß, wie es sich anfühlt, auszuspannen und nirgendwohin hetzen zu müssen. Die Fotos kommen in ein Album, das ich ihr schenken will. Ich möchte ihr unsere gemeinsamen Erinnerungen zurückgeben. Inzwischen arbeitet sie so viel, dass sie fast vergessen hat, wie wir früher durch die Altstadt gelaufen sind, heißen Glühwein getrunken und ohne jeden Grund gelacht haben. Du kennst doch ihre Freundin Sabine. Sie hat sich bereit erklärt, mir bei allem zu helfen. Ich musste von ihr nur noch die Schlüssel und die Unterlagen für die Wohnung in Heidelberg abholen.

Die Frau schmunzelte.

— Und sie weiß wirklich immer noch gar nichts?

— Überhaupt nichts. Ich habe ihr erzählt, Sabine sei beruflich in eine andere Stadt gefahren. In Wahrheit ist sie längst dort, schaut sich die Unterkunft an und bereitet alles für unsere Ankunft vor.

Katharina presste eine Hand gegen ihre Brust. Ihr Herz raste noch immer, doch nun aus einem völlig anderen Grund. Die Angst wich einer gewaltigen Erleichterung und einer Wärme, die sie beinahe überwältigte.

Vor kurzem erst hatte sie Michael erzählt, dass sie seit Jahren keinen richtigen Urlaub mehr gemacht hatte. Sie hatte ihm gestanden, wie gern sie endlich einmal über die Alte Brücke gehen würde, doch jedes Mal hatte sie die Reise wegen irgendeiner neuen Aufgabe verschoben. Offenbar hatte Michael jedes ihrer Worte gehört und behalten. Heimlich hatte er alles vorbereitet, sogar ihre Freundin um Hilfe gebeten. Und sie selbst hatte hinter der Schlafzimmertür gestanden und sich bereits die schlimmsten Dinge ausgemalt.

Katharina trat aus dem Schlafzimmer.

Ihre Schritte klangen in der stillen Wohnung plötzlich viel zu laut. Michael fuhr herum. Als er seine Frau sah, wurde er zuerst kreidebleich. Einen Moment später schoss ihm die Röte ins Gesicht.

— Katharina? Du… warum bist du denn zu Hause? — fragte er völlig überrumpelt und versuchte hastig, den offenen Ordner mit den Händen abzudecken.

— Ich habe mir freigenommen, — sagte sie leise. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. — Ich habe Fieber. Und ich dachte, du wärst beruflich unterwegs…

Michael sprang sofort auf, ging zu ihr und legte ihr vorsichtig die Hand auf die Stirn.

— Mein Gott, du glühst ja! Warum hast du mir nichts gesagt? Und ich habe dir nicht einmal Bescheid gegeben, dass ich zurückkomme. Ich war fest davon überzeugt, dass du im Büro bist. Ich wollte alles vorher regeln und dich dann überraschen. Verzeih mir. Ich bin wirklich ein Idiot.

Auch die Frau stand auf. Jetzt erkannte Katharina, dass es Sabine war. Sie lächelte verlegen.

— Kathi, wir wollten dich wirklich nicht erschrecken. Das war alles Michaels Idee. Dein Mann ist eben ein hoffnungsloser Romantiker, — sagte sie und deutete auf die Tickets auf dem Tisch. — Wir wollten dir einfach nur einen besonderen Geburtstag schenken.

Katharina sah ihren Mann schweigend an. In seinem Blick lag ehrliche Reue, und in den Händen hielt er noch immer die alten Fotos. Erst jetzt verstand sie, warum er gerade diese Aufnahmen ausgesucht hatte. Darauf sah sie glücklich und leicht aus, ohne den vertrauten Zug von Anspannung, Müdigkeit und Sorge im Gesicht. Es waren Bilder aus einer Zeit, in der sie sich erlaubt hatte, einfach sie selbst zu sein.

— Danke, — flüsterte Katharina und trat einen Schritt auf ihn zu. — Du hast keine Ahnung, wie sehr ich davon träume, Heidelberg zu sehen. Und wie sehr ich möchte, dass du mit mir dorthin fährst.

Michael nahm sie behutsam in die Arme, fast so vorsichtig, als könnte selbst eine feste Umarmung ihr wehtun.

— Morgen gehen wir als Erstes zum Arzt, — sagte er bestimmt. — Und ich will nichts mehr von dringenden Berichten hören. Dich gibt es für mich nur einmal.

Sabine legte die Schlüssel vorsichtig an den Rand des Tisches.

— Ich rufe euch morgen an, ja? Jetzt braucht ihr Ruhe. Werd schnell wieder gesund, Kathi.

Nachdem ihre Freundin gegangen war, führte Michael seine Frau zum Sofa, wickelte sie in eine weiche Decke und machte ihr Tee mit Honig.

— Bist du mir wegen dieser ganzen Inszenierung sehr böse? — fragte er und setzte sich neben sie.

— Ein bisschen schon, — antwortete Katharina lächelnd und lehnte den Kopf an seine Schulter. — Aber wirklich nur ein bisschen. Dafür bekomme ich jetzt zwei Wochen Urlaub, gegen die ich mich garantiert nicht wehren werde.

Draußen rauschte der Regen weiter, doch Katharina hatte das Gefühl, als sei es in der Wohnung plötzlich heller und wärmer geworden. Sie schloss die Augen und erlaubte sich zum ersten Mal seit langer Zeit, einfach ruhig zu atmen, ohne an Zahlen, Tabellen, Berichte und endlose Fristen zu denken. Neben ihr saß ein Mensch, der sie so sehr liebte, dass er heimlich eine ganze Reise plante und dabei jederzeit Gefahr lief, ertappt zu werden.

Am nächsten Morgen wachte Katharina nicht vom schrillen Weckton auf, sondern vom warmen Duft frisch gebackener Pfannkuchen. Michael stand am Herd, summte leise eine alte Melodie vor sich hin und lächelte.

— Denk gar nicht daran aufzustehen, — sagte er, als er bemerkte, dass sie die Augen geöffnet hatte. — Ich bringe dir das Frühstück ans Bett. Und noch etwas: In einer Woche fahren wir schon los. Ich habe deinen Chef angerufen und alles mit ihm geklärt.

Katharina lachte, musste gleich darauf husten und spürte doch zum ersten Mal seit Tagen, dass die Schwäche langsam nachließ. Jetzt zweifelte sie nicht mehr daran, dass dieser Geburtstag der schönste ihres Lebens werden würde.

Denn die Reise war viel mehr als ein Geschenk. Sie erinnerte Katharina daran, dass sie nicht nur die gewissenhafte Buchhalterin war, die ständig fremde Probleme lösen, Zahlen prüfen und Termine einhalten musste. Sie war auch eine geliebte Frau, die jemand schätzte, auf die jemand wartete und für die ein Mensch bereit war, etwas völlig Unerwartetes, Heimliches und ein wenig Verrücktes zu tun.