Nach nur drei Treffen lud mich der 54-jährige Klaus in sein Wochenendhäuschen ein — erst gegen Abend begriff ich, warum er dort auch noch seine Freunde bestellt hatte
Ich bin einundfünfzig Jahre alt. Man sollte meinen, in diesem Alter sei eine Frau vernünftig genug, vorsichtig genug, erfahren genug und mit einem inneren Warnsystem ausgestattet, das bei seltsamen Menschen rechtzeitig anschlägt. Zumindest war ich fest davon überzeugt, dass meines zuverlässig funktionierte.
Und dann sagte ich Klaus zu und fuhr mit ihm hinaus zu seinem Wochenendhäuschen.
Wenn ich heute daran zurückdenke, staune ich über mich selbst. Nicht, weil das, was geschah, wie aus einem Thriller gewirkt hätte. Nein. Das Unangenehmste an dieser Geschichte ist gerade, dass alles vollkommen alltäglich aussah. Keine dunklen Keller. Keine Äxte. Kein Gewitter vor dem Fenster. Nur erwachsene Menschen, ein freier Tag, ein kleines Haus im Grünen, Essen auf dem Tisch, Gespräche. Und mitten in dieser Normalität merkte ich plötzlich ganz klar, dass ich Angst hatte.
Angefangen hatte alles mit ein paar Nachrichten.
Klaus war zwei Jahre älter als ich. Vierundfünfzig. Geschieden, eine erwachsene Tochter, die längst ihre eigene Wohnung hatte. Er arbeitete als Ingenieur, irgendetwas im Bereich Planung. Er schrieb ordentlich, ohne dieses alberne „Hallo, Schönheit“ und ohne ganze Sträuße aus Emojis. Er drängte nicht. Er bohrte nicht sofort in meiner Seele herum. Er nannte mich nicht „Mädchen“, wofür ich ihm beinahe dankbar war. In unserem Alter klingt „Mädchen“ von einem fast fremden Mann, als käme er entweder aus einem merkwürdigen Flirtseminar oder aus einer billigen Vorabendserie.
Er fragte oft nach Büchern, nach meiner Arbeit, nach meiner Mutter. Damals kümmerte ich mich um sie nach einer Operation, und er sprach darüber auf eine ruhige, menschliche Weise. Nicht mit diesem pflichtschuldigen „Halten Sie durch“, sondern normal: „Das ist schwer. Aber vergessen Sie sich selbst dabei nicht.“ Ich dachte damals: So ist also ein erwachsener Mann. Kein Junge mit Wind im Kopf. Kein selbstverliebter Schwätzer. Kein Abenteuersucher. Einfach ein ruhiger, verlässlicher Mensch.
Nach ein paar Wochen schlug er ein Treffen in einem Café vor. Wir saßen ungefähr eine Stunde zusammen. Er kam in einem sauberen Hemd, roch nach einem schlichten, nicht aufdringlichen Rasierwasser. Er sprach leise. Zur Kellnerin sagte er freundlich „danke“, ohne Überheblichkeit. Er hörte aufmerksam zu. Ich ertappte mich sogar dabei, wie ich in seiner Nähe entspannte.
Danach trafen wir uns noch zweimal. Ein Spaziergang im Stadtpark, Kaffee zum Mitnehmen, Gespräche über sein kleines Haus. Er erzählte, dass er draußen vor den Toren der Stadt ein Wochenendhäuschen habe, alt, noch von seinen Eltern. Ich habe nichts gegen Gartenarbeit. Nicht fanatisch, natürlich, aber ein Beet jäten kann ich durchaus gern, solange mich hinterher niemand zwingt, darauf stolz zu sein. Klaus erzählte, er ziehe Dill, habe Apfelbäume und Johannisbeersträucher. Er zeigte Fotos: eine Holzveranda, ein alter Tisch, Flieder am Zaun, die Nachbarskatze auf den Stufen.
Und eines Tages sagte er:
— Sabine, kommen Sie doch am Samstag raus. Wir erholen uns einfach ein bisschen an der frischen Luft. Ich mache Fisch im Ofen. Ich kann Sie am Bahnhof abholen, von dort ist es nicht weit.
Ich sagte nicht sofort zu. Immerhin: ein Wochenendhaus. Ein Mann. Draußen vor der Stadt. Ja, ich bin einundfünfzig, aber Gefahr schaut schließlich nicht erst ins Geburtsdatum im Ausweis.
Ich sagte:
— Ich überlege es mir.
Er lächelte ruhig.
— Natürlich. Verstehe ich. Heutzutage kann man wirklich nicht vorsichtig genug sein.
Und genau dieses „verstehe ich“ gewann mich für ihn. Verstehen Sie? Er war nicht beleidigt. Er begann nicht, Druck zu machen. Er fragte nicht vorwurfsvoll: „Vertrauen Sie mir etwa nicht?“ Für mich ist das immer ein wichtiges Zeichen. Ich bin kein junges Mädchen mehr, das irgendwohin fährt, wenn man ihr schon am Anfang mit gekränkter Eitelkeit den Arm verdrehen will.
Die ganze Woche zweifelte ich. Meine Freundin Monika sagte:
— Schick mir die Adresse. Und ruf an, wenn du angekommen bist. Und trink nichts.
Ich lachte.
— Moni, ich trinke doch sowieso kaum.
— Genau dieses „kaum“ lassen wir lieber weg. Wir kennen diese gebildeten Herren. Erst reden sie über Hesse, und dann kommt: „Respektierst du mich überhaupt?“
Ich tat es ab, schickte ihr aber die Adresse. Und Klaus’ Nummer gleich dazu.
Am Samstag brauchte ich ewig, bis ich fertig war. Ich zog Jeans an, eine helle Bluse, eine leichte Jacke. Nicht aufgedonnert, aber auch nicht so, als führe ich zum Kartoffelroden. In der Bäckerei kaufte ich einen Zwiebelkuchen, weil ich mich immer unwohl fühle, wenn ich mit leeren Händen irgendwo auftauche. Und genau dieses ewige „unwohl“ spielte später noch eine Rolle. Überhaupt habe ich in meinem Leben vieles nur deshalb getan. Es ist unangenehm, Nein zu sagen. Unangenehm, zu gehen. Unangenehm, auszusprechen, dass einem etwas nicht gefällt. Nur: Für wen wurde es dadurch angenehm? Sicher nicht für mich.
Bis zum Bahnhof fuhr ich mit der Regionalbahn. Ich saß am Fenster, sah auf das Maigrün draußen und dachte, vielleicht mache ich mich umsonst verrückt. Eine erwachsene Frau fährt zu einem erwachsenen Mann in ein Wochenendhaus. Nicht in irgendeine verlassene Wildnis. Das Handy ist geladen. Es ist heller Tag. Menschen gibt es auch in der Umgebung.
Klaus holte mich am Bahnhof ab. Sein Wagen war alt, aber sauber. Er stieg aus, öffnete den Kofferraum und nahm mir die Tüte mit dem Zwiebelkuchen ab.
— Sind Sie gut durchgekommen?
— Ja, alles normal.
— Sie sehen heute sehr schön aus.
Er sagte es ruhig. Ohne Klebrigkeit. Ich wurde sogar ein wenig verlegen.
Wir fuhren vielleicht fünfzehn Minuten. Erst durch ein Dorf, dann ein Stück am Wald entlang. Er erzählte, dass er morgens beim Bäcker gewesen sei, dass der Nachbar den Zaun schon wieder schief gesetzt habe und dass der Apfelbaum dieses Jahr unglaublich blühe. Ich hörte zu und dachte: Er ist wirklich ein guter Mensch. Still. Häuslich.
Das erste leise Warnsignal kam, als er plötzlich sagte:
— Ich habe meiner Mutter von Ihnen erzählt. Sie hätte Sie bestimmt gemocht.
Ich wusste im ersten Moment nicht, was ich darauf antworten sollte. Wir hatten uns dreimal gesehen. Welche Mutter? Was hieß hier gemocht? Aber ich lächelte nur.
— Ich hoffe, Sie haben nicht allzu ausführlich berichtet.
Er sah mich etwas länger an, als angenehm gewesen wäre.
— Ich habe ein gutes Gefühl für Menschen. Sie sind eine richtige Frau.
Mir wurde unbehaglich. Ich mag es nicht, wenn man mich „richtig“ nennt. Da bekommt man sofort Lust, etwas völlig Falsches zu tun. Aber ich beschloss, nicht kleinlich zu sein. Jeder Mensch hat eben seine Lieblingsformulierungen.
Das Häuschen sah genauso aus wie auf den Bildern. Ein altes kleines Haus, die Veranda, der Flieder, eine Regentonne, Beete. Alles ein bisschen schief, aber lebendig. Auf dem Tisch standen schon Teller, Brot, Gurken, Tomaten, Kräuter. Er stellte den Wasserkocher an und führte mich über das Grundstück.
— Hier sind die Erdbeeren. Da hinten die Kartoffeln. Das ist die Sauna, aber die habe ich lange nicht mehr angeheizt. Und hier ist meine Werkstatt.
Die Werkstatt befand sich in einem kleinen Schuppen. Er riss die Tür auf. Drinnen roch es nach Holz, Benzin und Metall. An den Wänden hingen Werkzeuge. Sehr viele Werkzeuge. Sägen, Hämmer, Äxte, irgendwelche Haken, eiserne Dinge, deren Zweck ich nicht kannte. Ich weiß, ein Gartenhaus ist ein Gartenhaus, ohne Werkzeug geht es nicht. Trotzdem wurde mir unwohl. Vielleicht, weil Klaus in der Tür stand, sodass ich nicht sofort hinausgehen konnte. Angeblich zufällig. Aber ich bemerkte es.
— Ich mag Ordnung, sagte er.
— Das sieht man.
— Bei mir hat jedes Ding seinen Platz.
Er sagte das so, als spräche er nicht nur über Werkzeuge.
Ich ging als Erste wieder nach draußen. Sofort fiel mir das Atmen leichter.
Später saßen wir auf der Veranda. Der Fisch war bereits im Ofen, es roch nach Zitrone und Knoblauch. Ich rief Monika an, wie ich es versprochen hatte. Sagte, dass alles in Ordnung sei. Klaus schnitt währenddessen Kräuter. Ich merkte, dass er lauschte. Nicht offen, nicht demonstrativ, aber er hörte zu.
— Ihre Freundin macht sich Sorgen? fragte er, als ich aufgelegt hatte.
— Natürlich. Ich würde mir auch Sorgen machen.
Er lächelte schmal.
— Frauen sind heute alle sehr misstrauisch.
Ich antwortete:
— Eher vorsichtig.
— Ja, schon. Aber manchmal kränkt das auch. Man bemüht sich, lädt jemanden ein, und dann wird man behandelt, als stünde man schon halb im Polizeibericht.
An dieser Stelle hätte ich viel wachsamer werden müssen. Denn ein wirklich ruhiger Mensch diskutiert normalerweise nicht über das Recht eines anderen, vorsichtig zu sein. Aber ich versuchte wieder, es glattzubügeln.
— Klaus, ich bin doch gekommen.
— Sie sind gekommen, sagte er und lächelte. — Also vertrauen Sie mir.
Aus irgendeinem Grund schwieg ich.
Wir aßen. Der Fisch war tatsächlich gut. Er schenkte sich Wein ein und bot mir ebenfalls welchen an. Ich lehnte ab.
— Gar nichts?
— Gar nichts. Ich muss später noch nach Hause.
— Ich kann Sie fahren.
— Danke, ich nehme die Bahn.
Er schwieg einen Moment.
— Wozu denn die Bahn? Da ist es voll und laut. Ich sagte doch, ich fahre Sie.
Die Worte klangen fürsorglich, und trotzdem zuckte etwas in mir zusammen. Denn er sagte es nicht wie ein Angebot, sondern fast wie eine Entscheidung, die bereits gefallen war. Ich lachte dieses Lachen, mit dem Frauen so oft versuchen, ein unangenehmes Gespräch weicher zu machen.
— Ich mag Züge. Man kann aus dem Fenster sehen und sich vorstellen, man sei die Heldin in einem alten Film.
Er lächelte nicht.
— Sie machen ständig Witze.
— Was bleibt einem sonst?
— Manchmal muss man ernst sein.
Und wieder hatte ich das Gefühl, nicht zu Besuch zu sein, sondern in irgendeiner Prüfung zu sitzen.
Etwa anderthalb Stunden später, als ich schon dachte, ich sollte bald anfangen, mich langsam zu verabschieden, sagte Klaus plötzlich:
— Gleich kommen die Leute.
Ich verstand gar nicht sofort, wen er meinte.
— Welche Leute?
— Na, meine. Ralf mit seiner Frau, Jens. Vielleicht schaut Frank auch noch vorbei. Ich habe ihnen gesagt, dass ich Besuch habe.
In mir sackte etwas unangenehm nach unten.
— Klaus, davon haben Sie mir nichts gesagt.
— Was ist denn dabei? Normale Leute. Wir sitzen ein bisschen zusammen.
— Ich dachte, wir wären zu zweit.
Er sah mich mit so großer Verwunderung an, als hätte ich verlangt, er solle das Haus abreißen.
— Sabine, haben Sie etwas gegen Gesellschaft? Ich wollte, dass es Ihnen netter wird.
Da war es. „Ihnen.“ Als hätte er mir ein Geschenk gemacht und ich würde mich nun anstellen.
Ich sagte:
— Ich hätte es gern vorher gewusst.
Er legte das Messer sorgfältig auf das Brett, aber der Ton klang trotzdem hart.
— Entschuldigung, dass ich für Sie keinen Ablaufplan erstellt habe.
Dann sagte er nichts mehr.
Mir wurde peinlich. Ehrlich. Obwohl es überhaupt nichts gab, wofür ich mich hätte schämen müssen. Aber ich saß in einem fremden Gartenhaus, an einem fremden Tisch, mit seinem Fisch auf dem Teller und meinem Zwiebelkuchen daneben, und plötzlich fühlte ich mich wie eine zickige Frau, die anderen den Tag verdarb. Ein dummes Gefühl. Als hätte ich das Fest ruiniert.
Zwanzig Minuten später kamen die „Leute“.
Als Erster erschien Ralf. Groß, rotgesichtig, im T-Shirt, eine Tüte voller Flaschen in der Hand. Hinter ihm kam seine Frau Petra herein, eine müde Frau mit kurzem Haarschnitt. Dann kam Jens, schmal, mit lautem Lachen und unruhigen Augen, die ständig hin und her sprangen. Frank kam nicht, und ich dachte: Wenigstens einer hat heute richtig entschieden.
— Ach, so sieht sie also aus! sagte Ralf, als er mich sah. — Unser Klaus macht ja ganz schön ein Geheimnis.
Ich lächelte höflich.
— Sabine.
— Wissen wir, wissen wir. Er hat uns schon die Ohren voll von Ihnen gemacht.
Ich sah zu Klaus. Er stand da, zufrieden. Fast stolz. Als hätte er keine Frau mitgebracht, sondern irgendeine Trophäe.
Petra setzte sich neben mich und sagte leise:
— Nehmen Sie es nicht so ernst. Wenn die etwas getrunken haben, spielen sie sofort Theater.
Ich dachte, sie sei freundlich. Oder einfach schon lange an alles gewöhnt.
Auf dem Tisch standen schnell Flaschen. Klaus schenkte den Männern ein, Petra und sich selbst auch. Mir bot er wieder an.
— Nein, danke.
Ralf hob erstaunt die Brauen.
— Trinken Sie gar nicht?
— Heute nicht.
— Wieso denn das? Aufs Kennenlernen muss man doch anstoßen.
— Kennenlernen geht bei mir auch mit Saft.
Jens lachte.
— Klaus, du hast aber eine strenge Dame.
Klaus sagte:
— Sie ist nur vorsichtig.
Es sollte wohl ein Scherz sein, aber mir wurde unangenehm. Denn meine Vorsicht lag inzwischen auf dem Tisch wie eine weitere Beilage.
Dann begannen die Gespräche. Erst gewöhnliche Dinge: Arbeit, Preise, Gesundheit, Nachbarn. Danach erzählte Ralf schmierige Witze. Ich sah auf den Flieder und überlegte, wann der nächste Zug fuhr. Mein Handy zeigte, dass in vierzig Minuten einer käme. Mit dem Auto waren es fünfzehn Minuten bis zum Bahnhof. Zu Fuß vermutlich über eine Stunde. Oder vierzig Minuten, wenn man den Weg kannte. Ich kannte ihn nicht.
Ich sagte leise zu Klaus:
— Ich müsste bald los.
Er drehte sich nicht einmal sofort um.
— Wohin haben Sie es denn so eilig?
— Nach Hause. Ich muss meine Mutter anrufen.
Das war nicht völlig gelogen. Meine Mutter wartete wirklich auf meinen Anruf. Nur nicht dringend.
— Rufen Sie doch von hier aus an.
— Ich wollte den Zug schaffen.
Er sah mich an, als hätte ich ihn enttäuscht.
— Sabine, die Leute sind extra gekommen. Es ist doch unangenehm, gleich wieder zu gehen.
Dieses Wort. Mein altes, vertrautes, verfluchtes Wort. „Unangenehm.“
Und ich blieb.
Aus einer halben Stunde wurde eine Stunde. Die Männer tranken weiter. Klaus auch. Nicht so, dass er betrunken gewesen wäre, aber sein Gesicht veränderte sich. Es wurde härter. Er unterbrach Petra. Dann sagte er Jens scharf, er rede „Unsinn“. Danach fing er an, von seiner Exfrau zu erzählen. Keine schöne Geschichte. Nicht mit Schmerz, nicht mit Bedauern, sondern mit einer Art böser Zufriedenheit.
— Sie dachte, ich würde ihr hinterherlaufen, sagte er. — Ich habe ihre Sachen gepackt und vor die Tür gestellt. Soll sie eben lernen.
Petra senkte den Blick. Ralf schnaubte. Jens sagte:
— Richtig so. Frauen muss man manchmal an ihren Platz erinnern.
Ich spürte, wie meine Finger kalt wurden.
Klaus wandte sich zu mir.
— Stimmt doch, Sabine? Manchmal versteht ein Mensch nur Härte.
Ich wollte nicht streiten. Aber zustimmen konnte ich auch nicht.
— Ich glaube, mit Menschen sollte man besser reden.
Er lächelte spöttisch.
— Sie sind gutherzig. Solange man Sie noch nicht richtig betrogen hat.
— Ich bin betrogen worden.
— Dann offenbar nicht genug.
Ich sah ihn an und begriff zum ersten Mal ganz deutlich: Vor mir saß kein ruhiger Mann. Vor mir saß ein Mensch, der sein Gesicht ausgezeichnet wahren konnte, solange alles nach seinem Drehbuch lief.
Ich stand auf.
— Ich gehe kurz ins Haus und hole meine Tasche.
— Wozu?
— Ich muss los.
Am Tisch wurde es still. Sogar Ralf hörte auf zu kauen.
Klaus stand ebenfalls auf.
— Ich fahre Sie später.
— Danke, ich rufe mir ein Taxi.
— Hierher fährt kein Taxi.
— Ich sehe nach.
Er machte einen Schritt auf mich zu.
— Sabine, machen Sie jetzt keine Szene.
Und genau da bekam ich wirklich Angst. Nicht nur wegen dieses Schrittes. Wegen des Satzes. Denn es gab keine Szene. Ich wollte nur gehen. Er hatte es schon eine Szene genannt. Also war ich in seinem Kopf bereits schuldig.
Petra sagte plötzlich:
— Klaus, lass sie fahren, wenn sie muss.
Er drehte sich scharf zu ihr um.
— Dich hat niemand gefragt.
Ralf lachte kurz, aber unsicher.
Ich ging ins Haus. Nicht schnell, um meine Panik nicht zu verraten. Meine Tasche lag auf einem Stuhl im Flur. Ich zog mein Handy heraus. Meine Hände zitterten so sehr, dass ich die Taxi-App erst beim dritten Versuch öffnete. Kein Wagen in der Nähe. Gar keiner. Ich öffnete die Karte. Fünf Kilometer bis zum Bahnhof. Erst durch das Dorf, dann am Waldstreifen entlang.
Ich schrieb Monika: „Mir ist hier unwohl. Ich gehe. Wenn ich in 20 Minuten nicht anrufe, ruf du mich an.“
Die Antwort kam sofort: „Ruf jetzt an.“
Ich drückte auf Anrufen. Genau in diesem Moment erschien Klaus in der Tür.
— Wen rufen Sie an?
— Meine Freundin.
— Warum?
— Weil ich es will.
Ich sagte es und wunderte mich selbst. Meine Stimme klang ruhig. Offenbar war in mir endlich eine andere Sabine aufgewacht. Nicht die höfliche Frau mit dem Zwiebelkuchen, sondern die Frau, die sehr gern lebendig und heil nach Hause kommen möchte. Ich kann nur raten, diese Frau in sich nicht zu verlieren. Sie erscheint selten, aber meistens im genau richtigen Moment.
Monika nahm ab.
— Bine?
Ich sagte laut:
— Moni, ich gehe jetzt von Klaus weg. Du hast die Adresse. Wenn ich kein Auto finde, gehe ich zu Fuß zum Bahnhof.
Klaus wurde blass.
— Warum sagen Sie das so?
Ich sah ihn direkt an.
— Damit sie es weiß.
Monika sagte am Telefon:
— Mach die Standortfreigabe an. Ich bleibe dran. Leg nicht auf.
Ich schaltete sie ein. Klaus stand in der Tür und bewegte sich nicht.
— Sabine, Sie beleidigen mich.
— Nein. Ich gehe.
— Sie kommen in mein Haus, essen an meinem Tisch, und jetzt stellen Sie mich hin wie irgendeinen Irren?
— Ich habe Sie nicht irre genannt.
— Aber Sie verhalten sich so.
Und da verstand ich plötzlich, wie bequem dieses System ist: Erst ist es unangenehm, abzulehnen. Dann ist es unangenehm, zu gehen. Dann ist es unangenehm, sich zu schützen. Alles hält sich an der Scham des anderen fest. An dem Wunsch, gut zu wirken.
Ich nahm meine Tasche und ging seitlich an ihm vorbei. Er packte mich nicht. Er stellte sich mir nicht in den Weg. Aber er folgte mir.
Auf der Veranda schwiegen alle. Petra sah mich an, als wollte sie etwas sagen, wagte es aber nicht. Ich zog meine Jacke an.
— Danke fürs Essen, sagte ich. Dumm, nicht wahr? Sogar in diesem Moment: danke. Aber was soll man machen, Erziehung schaltet sich bei mir manchmal schneller ein als der gesunde Menschenverstand.
Klaus sagte leise:
— Sie werden es noch bereuen. Nicht, weil ich irgendetwas tue. Sondern weil Sie einen normalen Mann verloren haben.
Ich stieg bereits die Stufen hinunter.
— Dann hatte ich Glück, ihn schnell zu verlieren.
Vielleicht war das der mutigste Satz, den ich im letzten Jahr gesagt hatte. Vielleicht sogar in den letzten fünf.
Ich ging zum Gartentor. Hinter mir sagte Ralf:
— Ach komm, Klaus. Die Weiber sind heute alle nervös.
Und plötzlich antwortete Petra scharf:
— Halt den Mund, Ralf.
Ich blieb für eine Sekunde stehen. Das hatte ich von ihr nicht erwartet. Dann ging ich weiter.
Hinter dem Tor lag eine staubige Straße mit Schlaglöchern. Die Sonne sank schon, aber es war noch hell. Monika blieb die ganze Zeit am Telefon.
— Geh nach der Karte. Bieg nirgends ab. Rede mit mir.
Ich ging und redete irgendeinen Unsinn. Dass der Zwiebelkuchen dort geblieben war. Dass meine Turnschuhe eigentlich bequem gewesen seien, aber jetzt plötzlich doch nicht mehr. Dass ich eine erwachsene Frau sei und aus einem Wochenendhaus flüchte wie eine Schülerin von einer missglückten Party.
Monika sagte:
— Du flüchtest nicht. Du gehst.
Warum auch immer, bei diesen Worten brannten mir die Augen.
Nach etwa zehn Minuten hörte ich hinter mir ein Auto. Ich trat an den Rand. Mein Herz sprang mir sofort bis in den Hals. Der Wagen rollte langsam neben mich. Es war Klaus.
Er ließ das Fenster herunter.
— Steigen Sie ein. Ich fahre Sie.
— Nein.
— Seien Sie nicht albern. Der Bahnhof ist weit.
— Ich gehe.
— Sabine, Sie benehmen sich hässlich.
Ich hätte fast gelacht. Wirklich. Nicht aus Heiterkeit, natürlich. Nur war dieser Satz auf dieser leeren Straße so absurd. Ich ging allein mit dem Handy in der Hand, er fuhr neben mir her und redete auf mich ein, damit ich zu ihm ins Auto stieg, und hässlich benahm mich aus irgendeinem Grund ich.
— Klaus, fahren Sie weg.
— Ich mache mir Sorgen.
— Müssen Sie nicht.
— Sie haben sich da hineingesteigert. Ihre Freundin hat Ihnen den Kopf verdreht.
Ich schwieg.
— Irgendwann werden Sie merken, dass Sie alles kaputtgemacht haben.
— Möglich.
— Und Sie entschuldigen sich nicht einmal?
Ich blieb stehen. Sah ihn an und sagte sehr ruhig:
— Nein.
Ein einziges kurzes Wort. So klein. Und doch fühlte es sich an, als hätte ich einen schweren Schrank von einer verschlossenen Tür weggeschoben.
Er starrte mich einige Sekunden an. Dann gab er abrupt Gas und fuhr davon. Hinter dem Wagen stieg Staub auf, und ich musste husten.
Monika fragte am Telefon:
— Ist er weg?
— Ja.
— Dann geh weiter.
Nach fünfundvierzig Minuten erreichte ich den Bahnhof. Verschwitzt, wütend, mit zitternden Knien. Der Zug sollte in zwölf Minuten kommen. Ich kaufte mir am Kiosk eine Flasche Wasser, setzte mich auf eine Bank und bemerkte erst da, dass ich den Riemen meiner Tasche die ganze Zeit so fest umklammert hatte, dass rote Streifen in meiner Handfläche geblieben waren.
Im Zug löste sich die Anspannung langsam. Nicht sofort. Zuerst sah ich aus dem Fenster und dachte: Was, wenn ich wirklich übertrieben habe? Es waren doch nur Freunde gekommen. Sie hatten getrunken. Er hatte ein paar unangenehme Dinge gesagt. Er hatte mich ja nicht angefasst. Vielleicht hätte ich einfach ruhig bis zum Abend sitzen bleiben sollen, und er hätte mich nach Hause gefahren.
So versucht unser Kopf, uns in das gewohnte, bequeme Bild zurückzuschieben. Weil es Angst macht, zuzugeben: Du warst selbst an einem Ort, an dem es dir schlecht ging. Du hast die ersten Signale selbst übersehen. Du hast dagesessen und gelächelt, obwohl du eigentlich aufstehen und gehen wolltest.
Zu Hause rief ich meine Mutter an. Ich sagte, ich sei müde. Alles erzählte ich ihr nicht. Sie hätte sich sofort aufgeregt, Blutdruck, Tabletten, „ich habe doch gesagt, Männer sind alle komisch“. Obwohl sie das gar nicht gesagt hatte, aber sie hätte sicher gesagt, sie habe es gesagt.
Monika erzählte ich später alles. Sie hörte schweigend zu und fragte nur ab und zu:
— Ja. Und was hat er dann gemacht?
Als ich fertig war, sagte sie:
— Bine, du warst stark.
— Was heißt stark. Ich bin irgendwohin gefahren, wo ich nicht hätte hinfahren sollen.
— Stark nicht, weil du gefahren bist. Sondern weil du gegangen bist.
Am nächsten Tag schrieb Klaus. Eine lange Nachricht. Sie begann mit den Worten: „Ich habe die ganze Nacht nachgedacht.“ Danach kam, dass ich sein Vertrauen verletzt hätte, dass er mich nur mit seinen nahen Leuten habe bekannt machen wollen, dass eine Frau in meinem Alter langsam unterscheiden können müsse zwischen Fürsorge und Kontrolle, und dass ich meiner Freundin erlaubt hätte, sich in etwas einzumischen, wo sie nichts zu suchen habe. Außerdem schrieb er: „Ich bin kein Junge, der einer Frau hinterherläuft, die Prüfungen veranstaltet.“
Ich las es und antwortete nicht.
Eine Stunde später kam die zweite Nachricht:
„Schweigen ist auch eine Antwort.“
Dann die dritte:
„Schade. Ich dachte, Sie wären anders.“
Dieses „anders“ amüsierte mich fast. Anders wie? Bequemer? Dankbarer? Eine, die am Tisch sitzen bleibt und aushält, weil Leute dabei sind und es irgendwie unschön wäre zu gehen?
Ich blockierte ihn.
Eigentlich hätte es das sein können. Die Geschichte war vorbei. Eine Frau war in ein Wochenendhaus gefahren, hatte gemerkt, dass ein Mann nicht zu ihr passte, und war wieder nach Hause gekommen. Man könnte einen Punkt setzen und Buchweizen kochen. Aber der Punkt in dieser Geschichte war nicht so einfach.
Eine Woche später rief Petra mich an. Die Frau von Ralf. Zuerst verstand ich gar nicht, woher sie meine Nummer hatte. Es stellte sich heraus, dass Klaus unsere Nachrichten allen gezeigt hatte, als er damit prahlte, bei ihm „entwickle sich etwas Ernstes“. Die Nummer hatte sie oben in der Chatzeile gesehen und sich gemerkt. Erstaunlich, dieses weibliche Gedächtnis. Besonders, wenn es nötig ist.
Sie sagte:
— Sabine, entschuldigen Sie, dass ich anrufe. Ich wollte wissen, ob Sie damals gut angekommen sind.
— Ja. Danke.
Sie schwieg kurz.
— Sie haben richtig gehandelt, als Sie gegangen sind.
Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.
Petra sprach leise. Als stünde sie im Nebenzimmer.
— Er macht das nicht zum ersten Mal. Nicht genau mit Ihnen. Allgemein. Er lädt eine Frau ein und dann uns dazu. So nach dem Motto: Schaut mal, welche ich habe. Und wenn ihr das nicht gefällt, sagt er später, sie sei seltsam. Oder arrogant. Oder nicht ganz richtig im Kopf.
Mir lief es kalt über den Rücken.
— Warum macht er das?
— Ich weiß es nicht. Es gefällt ihm, wenn jemand aus dem Gleichgewicht kommt. Wenn jemand nicht weiß, wie er sich verhalten soll. Dann fühlt er sich überlegen.
Ich saß in meiner Küche, sah auf meine Tasse mit der abgeplatzten kleinen Margerite und dachte, dass die Welt manchmal sehr einfach und sehr unangenehm gebaut ist.
— Warum rufen Sie mich an? fragte ich.
Petra atmete aus.
— Weil ich damals fast die ganze Zeit geschwiegen habe. Und ich hätte früher etwas sagen müssen. Als er sagte, dass die Leute kommen, habe ich Ihr Gesicht gesehen. Sie haben sofort verstanden, dass etwas nicht stimmt.
— Nicht sofort.
— Doch. Sofort. Sie haben sich nur nicht geglaubt.
Dieser Satz holte mich später noch lange ein.
Wir sprachen noch ein wenig. Sie sagte, dass es mit Ralf auch nicht einfach sei. Ich fragte nicht nach. Jeder hat seine eigene Tür, die man irgendwann von innen öffnen muss.
Einen Monat später traf ich Klaus zufällig auf dem Wochenmarkt. Ich kaufte Erdbeeren und suchte die aus, die nicht völlig nach Plastik aussahen. Er stand am Stand mit den Kräutern. Er sah mich zuerst.
Ich merkte, wie mein Körper sich an alles erinnerte, noch bevor mein Kopf es tat. Meine Schultern spannten sich an, meine Finger drückten die Papiertüte zusammen. Aber er kam ruhig auf mich zu.
— Guten Tag, Sabine.
— Guten Tag.
— Wie geht es Ihnen?
— Gut.
Er nickte.
— Ich wollte mich entschuldigen.
Da hätte ich beinahe die Erdbeeren fallen lassen. Damit hatte ich nicht gerechnet.
— Wofür genau? fragte ich.
Er sah mich mit jenem weichen Lächeln an, das mir damals gefallen hatte.
— Dafür, dass Sie sich unwohl gefühlt haben.
Und das war alles. Nicht dafür, dass er Leute eingeladen hatte, ohne mich zu fragen. Nicht für den Druck. Nicht dafür, dass er mit dem Auto neben mir hergefahren war. Sondern dafür, dass ich mich so gefühlt hatte. Als wäre mein Empfinden das Problem gewesen, nicht sein Verhalten.
Plötzlich begriff ich, dass wieder der Mann aus dem Café vor mir stand. Höflich. Sauberes Hemd. Ruhige Stimme. Gebildete Ausstrahlung. Wenn ich nicht gewusst hätte, was im Gartenhaus passiert war, hätte ich wieder gedacht: ein guter Mensch.
Ich sagte:
— Diese Entschuldigung nehme ich nicht an.
Er kniff die Augen leicht zusammen.
— Sie sind immer noch so scharf.
— Nein. Ich bin genauer geworden.
Er lachte leise, drehte sich um und ging.
Ich kaufte die Erdbeeren. Zu Hause wusch ich sie und aß die Hälfte direkt an der Spüle, wie ein Mensch ohne Willenskraft und ohne jeden Wunsch, das zu verbergen. Und wissen Sie, es ging mir gut.
Später dachte ich noch oft an diese Fahrt. Nicht jeden Tag, natürlich. Das Leben geht weiter: Mutter, Arbeit, Rechnungen, die Katze der Nachbarin, die aus irgendeinem Grund meinen Fußabtreter für ihr privates Kurhotel hält. Aber manchmal denke ich daran.
Das Gemeinste an solchen Geschichten ist: Es gibt keinen großen roten Knopf mit der Aufschrift „Gefahr“. Alles besteht aus Kleinigkeiten. Ein falscher Satz. Ein zu langer Blick. Ein Witz mit einer Nadel darin. Eine Entscheidung, die jemand an deiner Stelle trifft. Die Worte „es ist doch unangenehm“. Und du sitzt da und redest dir zu: Ach was, stelle ich mich wirklich so an? Der Mensch hat sich Mühe gegeben. Er hat eingeladen. Er hat gekocht. Eigentlich ist doch nichts Schlimmes passiert.
Und dann begreifst du: Das Schlimme kommt nicht immer mit Geschrei. Manchmal spricht es leise, schneidet Kräuter auf der Veranda und tut so, als wäre es Fürsorge.
Ich will nun nicht in ständiger Verdächtigkeit leben. Das ist auch kein Leben, sondern ein Wachdienst rund um die eigene Seele. Ich treffe Menschen, gehe zu Besuch, sage manchmal sogar zu, wenn ein Mann Kaffee trinken möchte. Aber ich habe jetzt eine einfache Regel: Wenn es mir irgendwo schlecht geht, muss ich nicht aus Höflichkeit bis zum Ende bleiben.
Man darf mitten beim Essen aufstehen.
Man darf ein Glas Wein ablehnen.
Man darf ein Taxi rufen, auch wenn der Hausherr beleidigt ist.
Man darf eine Freundin anrufen und laut sprechen.
Man darf „nicht so“ sein.
Manchmal ist „nicht so“ überhaupt das Nützlichste, was man sein kann.
Der offene Schluss dieser Geschichte ist folgender: Vor Kurzem schickte Monika mir einen Screenshot aus derselben Nachbarschaftsgruppe. Klaus kommentierte dort den Beitrag einer Frau über Tomatenpflanzen. Sehr nett schrieb er. Über alte Filme, über Gemüse, darüber, dass in seinem Garten gerade der Flieder blühe.
Denn man kann das Leben einer anderen nicht an der Hand von einem fremden Gartentor wegführen. Man kann nur warnen: Schau genau hin. Verrate dich nicht selbst, nur weil dir etwas unangenehm ist. Und wenn in dir leise ein kleines Schloss klickt, tu nicht so, als hättest du nichts gehört.
Ich machte damals den Bildschirm aus. Eine Minute später schaltete ich ihn wieder ein.
Und schrieb ihr nur einen einzigen Satz:
„Guten Tag. Falls Sie zu Klaus in sein Wochenendhäuschen fahren, sagen Sie bitte jemandem aus Ihrem Umfeld Bescheid und halten Sie Ihr Handy geladen.“
Sie las es fast sofort.
Die drei Punkte ihrer Antwort blinkten lange.
Sehr lange.
Dann verschwanden sie.