Die Nachbarin fragte mich, ob am Nachmittag meine Schwester bei mir gewesen sei. Nur hatte ich in meinem ganzen Leben nie eine Schwester

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Die Nachbarin fragte mich, ob am Nachmittag meine Schwester bei mir gewesen sei. Nur hatte ich in meinem ganzen Leben nie eine Schwester

Frau Hoffmann fing mich direkt vor der Haustür ab, genau in dem Moment, als ich den Schlüssel schon an die Klingelanlage hielt.

— Anna, warte mal kurz … War heute Nachmittag deine Schwester bei dir?

Ich drehte mich nicht einmal sofort um. Nach der Arbeit war ich fast immer in demselben Zustand: der Kopf voll Lärm, die Hände mit Einkaufstaschen belegt, die Gedanken sprangen vom Abendessen zu den Rechnungen, von der Reinigung zu den Nebenkosten, die schon wieder gestiegen waren, ohne dass irgendjemand erklären konnte, warum. Im ersten Augenblick begriff ich gar nicht, dass sie überhaupt mit mir sprach.

— Welche Schwester denn?

Frau Hoffmann, schmal, aufmerksam, wie immer in ihrer gestrickten Jacke, sah mich mit einem Blick an, in dem Fürsorge und Neugier ziemlich genau gleich viel Platz hatten.

— Na, eine Frau war bei dir oben. Ich habe sie vom Fenster aus gesehen. Sie sah dir sehr ähnlich. Da dachte ich noch: Sachen gibt’s, solche Zufälle. Ist das nicht deine Schwester?

Ich musste unwillkürlich lachen, wenn auch ohne echte Heiterkeit.

— Ich habe keine Schwester.

Sie blinzelte überrascht.

— Wie, keine?

— Gar keine. Ich bin Einzelkind.

Frau Hoffmann rückte verlegen ihre Einkaufstasche zurecht, aber zurücknehmen wollte sie ihre Beobachtung offenbar nicht.

— Dann habe ich mich wohl getäuscht. Komisch war es trotzdem. Die Frau ist zu eurer Etage hoch. Und sie hat die Tür so selbstverständlich aufgemacht, als wäre sie schon ewig hier zu Hause.

Ausgerechnet dieser letzte Satz blieb mir irgendwo unter den Rippen hängen.

Nicht, weil ich in derselben Sekunde alles begriff. Nein. Eine vernünftige Frau verdächtigt ihren Mann nicht sofort des Betrugs, nur weil eine Nachbarin etwas sagt. Zuerst sucht man harmlose Erklärungen: verwechselt, schlecht gesehen, falsche Etage, Einbildung. Aber es gibt Sätze, an die erinnert man sich später Wort für Wort. Und erst viel später versteht man: Man wurde gewarnt, nur wusste man noch nicht, wovor.

Ich nickte, verabschiedete mich und ging ins Haus.

In den sechsten Stock stieg ich zu Fuß hinauf, weil der Aufzug, wie so oft, nicht funktionierte. Unterwegs machte ich mich in Gedanken sogar über mich selbst lustig. Ehrlich, welche Schwester? Welche Frau? Bei Markus und mir gab es keine Fernsehserie, kein großes Kino, sondern ein ganz normales Leben. Arbeit, Immobilienkredit, teure Lebensmittel, ein Kater, der morgens um fünf brüllte, mein chronischer Schlafmangel und seine endlosen Geschichten über das Lager, die Kunden und den Verkehr.

Markus war nicht der Typ Mann, bei dem Freundinnen sagen würden: „Auf den musst du aber aufpassen.“ Zweiundvierzig, ein kleiner Bauch, zwei ordentliche Hemden für besondere Anlässe, eine gute Jacke, ein müder Blick. Ein ganz gewöhnlicher Mann. Kein Schönling, kein Frauenheld, kein Romantiker. Einer von denen, die man eher bemitleidet, als dass man sie jemandem ausspannen will.

Und trotzdem blieb ich vor unserer Wohnungstür stehen.

Ich holte den Schlüssel heraus, hielt ihn ein paar Sekunden in der Hand und lauschte in die Stille dahinter. Dann schloss ich auf.

Die Wohnung empfing mich mit vertrauten Gerüchen: Waschpulver, Katzenklo, etwas Fleischiges — Markus hatte offenbar das Abendessen aufgewärmt. Der Kater kam sofort aus dem Wohnzimmer geschlichen, rieb sich an meinem Bein und miaute träge. Alles sah aus wie immer. Fast zu sehr wie immer.

Ich zog die Schuhe aus, ging in die Küche, stellte die Tüten auf den Tisch und bemerkte sofort die zwei Tassen in der Spüle.

An sich war daran nichts Besonderes. In unserer Spüle konnten auch drei oder vier Tassen stehen. Aber diesmal blieb mein Blick aus irgendeinem Grund genau an ihnen hängen.

Meine weiße, mit dem kleinen Sprung am Henkel. Und die graue, aus der Markus meistens trank.

Daneben lag auf der Arbeitsplatte eine Papierserviette mit einem kräftigen korallfarbenen Lippenstiftabdruck.

Ich benutze keinen korallfarbenen Lippenstift.

Eigentlich schminke ich mich seit ein paar Jahren kaum noch. Zur Arbeit Wimperntusche, manchmal die Augenbrauen, das war alles. Erst, weil ich keine Lust hatte, dafür früher aufzustehen. Dann, weil ich mich fragte: wozu eigentlich. Und irgendwann wurde es einfach Gewohnheit. Aber korallfarbenen Lippenstift hatte ich nie besessen. Diese Farbe steht mir nicht. Damit sehe ich sofort aus wie eine Frau, die am Straßenrand Wassermelonen verkauft.

Ich stand da und starrte so lange auf die Serviette, dass ich sogar vergaß, die Einkäufe auszuräumen.

— Anna? — rief Markus aus dem Wohnzimmer. — Bist du da?

— Ja.

Ich legte die Serviette schnell wieder hin, ohne zu wissen, warum. Als hätte ich jemanden beim Stehlen erwischt und mich entschieden, fürs Erste so zu tun, als hätte ich nichts gesehen.

Er kam in Schlafshorts und T-Shirt in die Küche, küsste mich auf die Wange und sah in eine der Tüten.

— Oh, du hast Süßkirschen gekauft.

Wenn er nervös gewesen wäre, herumgefuchtelt hätte, zu bemüht normal gespielt hätte, wäre es mir wahrscheinlich leichter gefallen. Aber er war ruhig. Wirklich ruhig. So ruhig sind entweder Unschuldige — oder Menschen, die schon lange genug lügen und sich daran gewöhnt haben.

— War heute jemand bei dir? — fragte ich und zog mir das Haargummi aus dem Haar.

— Bei mir? — Er öffnete den Kühlschrank. — Nur der Paketbote. Wieso?

— Die Nachbarin meinte, sie hätte irgendeine Frau gesehen. Sie dachte, es sei meine Schwester.

Er grinste, ohne sich auch nur umzudrehen.

— Vielleicht war es das Finanzamt.

Dann griff er nach der Dose mit den Frikadellen.

Ich sah auf seinen Rücken, auf die vertraute kahle Stelle am Hinterkopf, auf die Naht an der Schulter seines T-Shirts, die ich erst vor Kurzem selbst geflickt hatte, und verstand nicht, warum mir plötzlich so kalt wurde.

— Sehr witzig, — sagte ich.

— Ja, oder? — antwortete er.

Und das war alles.

Keine Pause. Keine Nachfrage. Nicht das kleinste Interesse. Als hätte ich erwähnt, dass im Treppenhaus schon wieder eine Glühbirne kaputt war.

Im Bad, als ich mir die Hände wusch, sah ich, dass mein Handtuch schief hing, als habe es jemand hastig zurückgehängt. Auf der Glasablage neben den Zahnbürsten lag ein langes helles Haar.

Ich bin dunkelhaarig, kastanienbraun gefärbt.

Helle Haare hatte meine Mutter, aber meine Mutter war tagsüber nicht bei uns gewesen und wühlte auch nicht in unserem Bad herum.

Ich hielt das Haar unter die Lampe. Lang, fein, beinahe golden.

— Steckst du da drin fest? — fragte Markus hinter der Tür.

— Nein, alles gut, — sagte ich und spülte das Haar ins Waschbecken.

Beim Abendessen brachte ich kaum einen Bissen hinunter. Markus erzählte von einem neuen Lieferanten, der Fristen gerissen hatte, von seinem idiotischen Chef, von einem Fahrer, der wieder Unterlagen durcheinandergebracht hatte. Ich nickte an den richtigen Stellen und dachte nur an eines: Wenn tagsüber eine Frau in unserer Wohnung gewesen war, dann hatte sie hier gesessen. In dieser Küche.

Vielleicht hatte sie den Ellbogen auf diesen Tisch gestützt, aus diesem Fenster geschaut, vielleicht sogar über seine Lagergeschichten gelacht, die ich schon tausendmal gehört hatte.

Und das Widerlichste war nicht einmal das. Sondern wie schnell meine Fantasie anfing, das Bild zu ergänzen. Ihre Tasse. Ihre Haare. Ihr Lippenstift. Ihr Geruch. Ihre Hände auf meiner Arbeitsplatte. Ihr Gesicht in meinem Spiegel.

In dieser Nacht schloss ich kaum ein Auge.

Markus lag neben mir und atmete gleichmäßig, schwer, vertraut. Vor dreizehn Jahren hatte mich dieses Geräusch besser beruhigt als jedes Medikament.

Ich lag mit dem Gesicht zur Wand und ging die letzten Monate durch. Genauer gesagt, mein Gehirn warf mir von selbst Einzelheiten hin und suchte nach Zusammenhängen. Seine späten Abende bei der Arbeit. Das neue Parfum, teuer, ganz anders als das, was er sonst kaufte. Ein Hemd, das ich vorher nie an ihm gesehen hatte. Seine gereizte Reaktion, als ich einmal nur nach seinem Handy griff, um die Uhrzeit zu sehen, und er scharf sagte: „Anna, bitte, wühl da nicht herum.“

Damals hatte mich genau diese Formulierung getroffen. Nicht „fass es nicht an“, nicht „da ist Arbeit drauf“, sondern „wühl da nicht herum“. Als wäre ich schon etwas Erniedrigendes. Eine, die kontrolliert. Eine, die Verdacht schöpft. Genau diese nervöse Ehefrau, vor der Männer angeblich ständig etwas verbergen müssen.

Ich hatte sein Handy nie kontrolliert. Nie seine Taschen durchsucht. Nie nach Quittungen gesucht. Ich hatte immer gedacht: Wenn man an diesem Punkt ist, ist ohnehin alles vorbei, man zieht die Qual nur noch unnötig in die Länge.

Am Morgen ging er früher als ich. Er küsste mich auf die Schläfe, bat mich, die Internetrechnung nicht zu vergessen, und sagte, er werde abends später kommen — Inventur im Lager.

Im Büro saß ich bis zur Mittagspause, als säße ich unter Wasser. In einer E-Mail vertauschte ich ein Datum, in den Kaffee streute ich Salz statt Zucker. Dann ertappte ich mich dabei, dass ich seit zehn Minuten auf dieselbe Tabellenzelle starrte und an den korallfarbenen Abdruck auf der Serviette dachte.

Um ein Uhr hielt ich es nicht mehr aus und rief zu Hause auf dem Festnetz an. Wir benutzten es fast nie, hatten es aber nicht abgemeldet, weil meine Schwiegermutter genau dort am liebsten anrief.

Niemand ging ran.

Zehn Minuten später wählte ich wieder.

Besetzt.

Natürlich konnte das gar nichts bedeuten. Überhaupt nichts. Aber in mir war bereits etwas geschehen, das man später nicht mehr rückgängig machen kann: Der Verdacht hatte eine Bestätigung bekommen, wenn auch nur eine winzige.

Ich blieb bis vier im Büro und ging dann, mit der Lüge, ich hätte Kopfschmerzen. Ich setzte mich in das Café gegenüber von unserem Haus, so, dass ich den Eingang sehen konnte. Zuerst schämte ich mich. Dann ekelte ich mich vor mir selbst. Danach war es mir egal.

Ich saß am Fenster, tat so, als würde ich auf mein Handy schauen, und fühlte mich wie eine komplette Idiotin. Fast vierzig. Eine erwachsene Frau, Buchhalterin, zahle Kreditraten, plane Urlaub nach Sonderangeboten, kaufe meiner Mutter Medikamente in der Apotheke. Und jetzt beobachte ich den Eingang meines eigenen Hauses wie eine Figur aus einer billigen Fernsehmelodramatik.

Um 16:38 Uhr kam eine Frau in einem hellen Mantel auf das Haus zu.

Ich erkannte sie sofort.

Mittlere Größe. Helle Haare, tief im Nacken zusammengebunden. Heller Mantel, gute Handtasche, gerader Rücken. Und diese allgemeine, unangenehme Ähnlichkeit. Nicht genau, nein. Aber der Typ. Aus der Entfernung hätte man uns tatsächlich für Verwandte halten können.

Sie blieb vor dem Eingang stehen, sah auf ihr Handy, steckte es in die Tasche und ging hinein. Irgendjemand öffnete ihr über die Gegensprechanlage per App.

Noch etwa dreißig Sekunden blieb ich reglos sitzen. Dann sprang ich so hastig auf, dass mir der Löffel auf den Boden fiel, legte Geld auf den Tisch und ging zum Haus.

Im Aufzug wurde mir heiß. Im sechsten Stock rannte ich fast zur Tür.

Aus unserer Wohnung drang Frauenlachen. Ganz normales Lachen einer Frau, die sich sicher fühlt.

Ich steckte den Schlüssel ins Schloss und brachte es für eine Sekunde nicht fertig, ihn umzudrehen. Meine Finger waren wie taub. Ich stand vor meiner eigenen Tür und hatte Angst, meine eigene Wohnung zu betreten.

Dann öffnete ich doch.

Im Flur standen beigefarbene Schuhe. Ruhig, klassisch, teuer. Nicht neu — nicht solche, die man für ein heimliches Treffen anzieht, sondern solche, in denen man selbstverständlich und mit einem Zweck irgendwohin kommt.

Auf der Kommode neben meinen Schlüsseln lag eine Sonnenbrille mit dünnem goldenen Gestell.

Als ich in die Küche trat, verstummten beide.

Markus stand am Fenster. Sie saß am Tisch, und vor ihr stand tatsächlich meine weiße Tasse mit dem Sprung am Henkel.

Zuerst sah ich nicht einmal sie beide an, sondern diese Tasse. Wahrscheinlich kann das Gehirn nicht alles auf einmal annehmen und klammert sich deshalb an einen Gegenstand.

Dann hob ich den Blick.

Die Frau stand auf.

— Guten Abend, — sagte sie.

Und wegen dieses höflichen „Guten Abend“ wollte ich sie schlagen. Wegen ihrer Ruhe, ihrer Beherrschung, ihrer beinahe geschäftlichen Korrektheit. Genau das war am schlimmsten. Als sei sie nicht zu meinem Mann gekommen, sondern um über die Eigentümerversammlung zu sprechen.

— Wer ist das? — fragte ich und sah nur Markus an.

Er wurde so blass, dass die Sommersprossen auf seiner Nase deutlicher hervortraten.

— Anna, hör zu …

— Wer ist das?

Die Frau sah von ihm zu mir.

— Ich glaube, ich gehe besser.

Ihre Stimme war weich, angenehm, geübt. Bei solchen Frauen klingt sogar Niedertracht wie ein vernünftiger Vorschlag.

— Nein, — sagte ich. — Wenn Sie schon so sicher hier hereingekommen sind, bleiben Sie ruhig noch sitzen.

Markus machte einen Schritt auf mich zu.

— Anna, bitte ohne Szene.

Da klickte etwas in mir.

Genau in dem Moment, als er mich bat, in meinem eigenen Zuhause keine Szene zu machen.

— Ohne Szene? — wiederholte ich sehr leise. — In meiner Wohnung sitzt eine fremde Frau, die Nachbarin hält sie für meine Schwester, und du bittest mich, keine Szene zu machen?

Die Frau griff nach ihrer Tasche.

— Ich gehe wirklich besser.

— Wie heißen Sie? — fragte ich.

Sie zögerte nur einen Augenblick.

— Claudia.

— Natürlich Claudia, — sagte ich. — Passt zu Ihnen.

Markus verzog das Gesicht.

— Anna, hör auf.

— Womit denn? Du wolltest doch ohne Szene. Dann reden wir eben ganz ruhig. Wie oft war sie hier?

Er schwieg.

Ich sah sie an.

— Wie oft?

Sie senkte den Blick. Und diese kleine Bewegung sagte mir mehr als jedes Wort. So sehen Menschen nicht weg, die zufällig einmal gekommen sind. So sehen Menschen weg, die sich schon viel zu viel erlaubt haben und nun nicht wissen, wie sie wieder bescheiden wirken sollen.

— Lass das, — sagte Markus.

— Was soll ich lassen? Die Wahrheit?

Ich ging zur Spüle, nahm die Serviette vom Vortag mit dem Lippenstiftabdruck und warf sie auf den Tisch.

— Ist das Ihrer?

Claudia presste die Lippen zusammen.

— Ich bin Ihnen keine Rechenschaft schuldig …

— Doch. Wenn Sie in meiner Küche Tee trinken, schon.

Ich öffnete die Badezimmertür.

— Und Ihre Haare habe ich gestern auch aus meinem Waschbecken gespült. Mein Handtuch hängen Sie übrigens schief zurück.

Markus stieß scharf Luft aus.

— Anna!

— Was „Anna“? Willst du behaupten, das stimmt nicht?

Sie stand mir gegenüber — ordentlich, gefasst, schön auf diese gepflegte, richtige Art, für die ich schon lange weder Geld noch Kraft noch innere Erlaubnis hatte. Maniküre, schmaler Ring, ein leichter teurer Duft. Sogar ihre Tasche war genau so eine, wie ich mir seit Jahren kaufen wollte, aber immer verschob: irgendwann, wenn Geld übrig ist.

Und das Schmerzhafteste war, dass die Nachbarin sich nicht geirrt hatte. Diese Frau erinnerte wirklich an mich. Nicht im Gesicht, nicht wörtlich. Aber im Typ, in der Statur, in der Art, den Kopf zu halten. Selbst das Alter war ungefähr meines, nur wirkte sie wie eine verbesserte Ausgabe. Die Version, die ich hätte sein können, wenn ich acht Stunden geschlafen, nicht an mir gespart und nicht jahrelang dieselbe Jeans getragen hätte.

Von dieser Ähnlichkeit wurde mir fast übel.

— Sie sieht mir ähnlich, — sagte ich und sah meinen Mann an.

Er zuckte zusammen.

— Anna, das spielt jetzt keine Rolle.

— Doch, es spielt eine sehr große Rolle. Deshalb dachte Frau Hoffmann, sie sei meine Schwester. Hast du dir absichtlich so eine gesucht?

— Jetzt reicht es.

— Nein, es reicht nicht. Antworte. Hast du dir eine zweite Anna gesucht? Nur jünger? Schlanker? Bequemer?

Claudia hob das Kinn.

— Das wird jetzt beleidigend.

Ich sah sie an.

— Beleidigend ist, wenn eine fremde Frau in meiner Küche sitzt und über Beleidigungen spricht. Nein, nicht einmal beleidigend. Gemein ist es.

Markus sagte plötzlich dumpf:

— Ja, sie kommt schon länger her.

Ich begriff nicht sofort, was ich gehört hatte.

— Was?

Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.

— Seit ein paar Monaten.

— Wie viele genau?

— Seit Januar.

Es war Juni.

Ein halbes Jahr.

Ein halbes Jahr lang war eine fremde Frau in mein Zuhause gekommen.

Ein halbes Jahr lang wusste noch jemand, wie das Parkett im Flur knarrt, wo die Löffel liegen, welche Herdplatte den Wasserkocher am schnellsten erhitzt, in welcher Tasse ich morgens meinen halben Kaffee stehen lasse.

Plötzlich lachte ich. Laut, hässlich, nervös. So lachen Menschen, die innerlich nichts mehr haben, womit sie ihr Gesicht halten können.

— Seit Januar? Das heißt, Silvester haben wir zusammen gefeiert, im Februar hast du mir eine Küchenmaschine geschenkt, im März waren wir bei deiner Mutter, im April haben wir gestritten, ob wir den Balkon streichen, und seit Januar hattest du sie schon? Und du hast sie hierhergebracht?

— Nicht immer hierher, — sagte er hastig.

Ich sah ihn so an, dass er verstummte.

— Meine Güte, wie edel.

Claudia umklammerte den Riemen ihrer Tasche.

— Er hat gesagt, bei euch sei schon lange alles schlecht.

Das war die zweite Ohrfeige an diesem Abend.

Nicht, weil ich von ihr Anstand erwartet hätte. Sondern weil genau so etwas immer funktioniert. Für die Geliebte ist die Ehefrau fast nie ein Mensch. Die Ehefrau ist ein Umstand. Hintergrund. Eine längst überfällige Formalität. Eine Frau, mit der „alles vorbei“ ist, die aber seltsamerweise weiter Suppe kocht und die Internetrechnung bezahlt.

Ich sah Markus an.

— Bei uns ist schon lange alles schlecht?

Er schwieg.

— Und ich wusste davon nichts?

— Anna, es ist kompliziert.

— Nein. Es ist sogar sehr einfach. Du hast mit mir geschlafen und mit ihr. Das ist die ganze Komplikation.

Claudia richtete sich auf, als wolle sie wenigstens jetzt noch Würde bewahren.

— Ich möchte an eurem Gespräch nicht teilnehmen.

— Das tun Sie längst, — sagte ich. — Seit Monaten. Sie stellen sogar Ihre Schuhe ordentlich an die Tür, fast wie die Hausherrin.

Da wurde Markus plötzlich laut:

— Schluss jetzt! Ihr beide.

Wir verstummten. Sogar der Kater, der bis dahin in der Küchentür gesessen hatte, huschte ins Wohnzimmer.

Markus atmete schwer und starrte auf den Tisch.

— Ja, ich habe eine Beziehung mit Claudia. Ja, schon länger. Ja, sie war hier. Und was jetzt?

Ich konnte kaum glauben, dass er es wirklich so gesagt hatte.

— Und was jetzt?

— Was willst du denn? Einen Skandal? Teller zerschlagen? Damit die Nachbarn mithören?

Ich sah ihn an und spürte beinahe körperlich, wie in mir etwas Letztes abstarb. Das, was ihn noch mit dem Mann verband, den ich einmal geheiratet hatte.

— Was ich will? — wiederholte ich. — Fragst du mich gerade ernsthaft, welchen Sinn es hat, dass ich erfahre, mein Mann bringt seit einem halben Jahr seine Geliebte in unsere Wohnung?

— Ich wollte dir nicht wehtun, — sagte er.

Claudia fügte leise hinzu:

— Wirklich.

Ich wandte mich so langsam zu ihr um, dass sie selbst erschrak.

— Finden Sie nicht, dass in diesem Satz von Ihnen ein bisschen zu viel von Ihnen steckt?

Sie wurde blass, antwortete aber trotzdem:

— Ich wollte nur …

— Nein. Sie wollten nicht „nur“. Sie tun seit einem halben Jahr nicht „nur“. Sie sind eine fremde Frau in meiner Wohnung. Und wenn wir jetzt ehrlich reden, dann erzählen Sie mir nicht, Sie hätten niemandem wehtun wollen. Menschen, die niemandem wehtun wollen, schlafen nicht mit verheirateten Männern.

Sie sah Markus an. Nicht mich. Ihn.

Und in diesem Augenblick verstand ich es endgültig.

Sie war hier nicht mehr zufällig. Sie war schon daran gewöhnt, sich an ihm zu orientieren, auf seine Entscheidung zu warten. Zu glauben, der wichtigste Mensch im Raum sei er.

Und ich war plötzlich die Überflüssige in meiner eigenen Küche.

— Gehen Sie, — sagte ich.

— Anna … — begann Markus.

— Nein. Jetzt rede ich. Geht. Beide.

— Das ist auch meine Wohnung.

— Noch. Aber heute geht ihr beide hier raus.

Er runzelte die Stirn.

— Übertreib nicht.

Ich lachte fast über diese Unverschämtheit.

— Ich übertreibe? Du bringst ein halbes Jahr lang deine Geliebte in mein Zuhause, und ich übertreibe?

Claudia zog endlich ihren Mantel an.

— Markus, ich fahre.

Er machte eine Bewegung, als wolle er sie aufhalten, und mir wurde schwarz vor Augen.

Er wollte sie aufhalten. Sie. In meinem Haus.

Sie ging in den Flur. Ich hörte, wie sie ihre Schuhe anzog. Ruhig, leise. Wie ein Gast, der sich nur peinlich lange aufgehalten hatte. Einen Augenblick später fiel die Tür ins Schloss.

Wir blieben zu zweit zurück.

Und erst dann wurde es wirklich beängstigend. Denn eine fremde Frau zu hassen ist leichter. Sie ist der Einbruch.

Neben mir in der Küche stand aber mein Mann. Der Mensch, mit dem ich fünfzehn Jahre gelebt hatte. Der wusste, dass ich Angst habe, nachts Auto zu fahren, dass ich rohe Zwiebeln hasse, dass ich bei alten Liedern weine, wie ich mit Fieber aussehe.

Der mich nach der Fehlgeburt gesehen hatte, nach dem Tod meines Vaters, nach der Operation, nach Krediten, Streit und schlaflosen Nächten. Und genau dieser Mensch hatte ein halbes Jahr lang eine andere Frau dorthin gebracht, wo meine Hausschuhe standen.

Ich setzte mich hin und verbarg das Gesicht in den Händen.

— Anna …

— Nenn mich nicht so.

— Ich wollte nicht, dass du es so erfährst.

— Wie denn sonst? Per Karte? Per Nachricht? Oder hast du gewartet, bis sie mir irgendwann selbst die Tür aufmacht?

Er presste die Kiefer zusammen.

— Es ist alles zu weit gegangen.

— Und wie hat es angefangen? Zufällig? Ist sie dir auf dem Weg vom Lager einfach in die Arme gefallen?

— Lass das.

— Du sagst mir nicht, was ich lassen soll. Hast du nach ihr mit mir im selben Bett gelegen?

Er wandte den Blick ab.

Das genügte.

Mir stieg Übelkeit in den Hals.

— Verschwinde.

— Lass uns erst runterkommen und reden.

— Zu spät. Vor einem halben Jahr hättest du reden müssen. Verschwinde!

Auch er stand auf.

— Ich habe jetzt nirgendwohin.

Ich starrte ihn an und fand für einen Moment keine Worte.

— Zu niemandem? — fragte ich. — Seltsam. Ich dachte, gerade du hättest jemanden.

Er verzog das Gesicht.

— Verdreh das nicht.

— Ich verdrehe? Du hast hinter meinem Rücken ein zweites Leben geführt, und jetzt bittest du mich, nichts zu verdrehen?

Er atmete schwer aus und sagte mit dumpfer Müdigkeit:

— Ich wollte das alles nicht so …

Genau in diesem Moment verstand ich, warum Frauen manchmal Teller nach ihren Männern werfen. Nicht, weil sie hysterisch sind. Sondern weil irgendwann ein Mensch vor ihnen steht, der alles zerstört hat und über sich selbst redet, als sei er nur versehentlich falsch abgebogen.

— Doch, — sagte ich. — Du wolltest es sehr wohl. In Gefühle verstrickt man sich. Aber du hast es dir bequem eingerichtet: Ehefrau abends, Geliebte tagsüber. Die eine wäscht deine Socken, die andere hinterlässt korallfarbenen Lippenstift auf Servietten. Sehr praktisch.

Er sank wieder auf den Stuhl, als hätte ich ihn geschlagen.

— Du sagst furchtbare Dinge.

— Furchtbare Dinge hast du getan.

Ich ging ins Schlafzimmer und schloss die Tür. Ich zitterte. Ich wollte den Spiegel zerschlagen, irgendetwas kaputtmachen, all seine Hemden zerreißen. Stattdessen öffnete ich den Schrank, eigentlich nur, um eine Tasche zu holen, und sah oben im Eck eine Tüte aus einem Wäschegeschäft.

Neu. Sauber. Nicht von mir.

Ich zog sie heraus. Darin lag ein spitzenbesetztes Set in hellem Beige. Ganz sicher nicht meine Größe. Schön, teuer. Nicht die Art von Geschenk, die man einer Ehefrau kauft, mit der „schon lange alles schlecht“ ist.

Meine Hände wurden eiskalt.

Als ich in die Küche zurückkam, saß Markus am Tisch mit einem Gesicht, als hätte ich ihn bei etwas Peinlichem erwischt.

Ich warf die Tüte wortlos vor ihn hin.

Er wurde bleich.

— Was ist das?

Er antwortete nicht.

— Ist das für sie? — fragte ich. — Hat sie sich hier umgezogen? In unserem Schlafzimmer?

— Anna …

— Antworte!

— Ich habe es vor einer Weile gekauft. Ich habe es ihr noch nicht gegeben.

— Und du versteckst es in unserem Schrank? Da, wo meine Sachen liegen? Da, wo wir schlafen?

In meinem Kopf machte etwas klick. Ich griff nach der grauen Tasse auf dem Tisch und schleuderte sie gegen die Wand. Sie zerbarst in Stücke. Der Kater jaulte im Wohnzimmer auf. Markus sprang hoch.

— Bist du wahnsinnig geworden?

— Ja, — sagte ich. — Anscheinend endlich.

Er machte einen Schritt auf mich zu, als wolle er mir die Tüte abnehmen, aber ich wich zurück.

— Komm mir nicht zu nahe.

— Beruhig dich.

— Beruhige sie. Ihr gefällt dieser ruhige Ton vielleicht. Sie hat sich hier ja offenbar schon an vieles gewöhnt.

Er setzte sich wieder und starrte auf den Boden.

Ich nahm mein Handy und rief Sabine an, meine Freundin.

— Sabine, kann ich zu dir kommen? — fragte ich so ruhig, dass ich selbst erschrak.

Sie verstand sofort, dass etwas passiert war.

— Natürlich. Wo bist du?

— Noch zu Hause.

Ich legte auf und drehte mich zu Markus.

— Du hast eine Stunde. Entweder du gehst selbst, oder ich rufe deinen Bruder an, und er holt dich mit deinen Sachen ab. Mir ist es egal.

— Das ist auch mein Zuhause.

— War es.

— So lösen wir gar nichts.

— Was gibt es zu lösen? Sie war hier. Du hast mit ihr geschlafen. Du hast gelogen. Es ist längst entschieden.

Da sah er mich plötzlich beinahe gereizt an.

— Du hattest doch auch schon lange etwas an mir auszusetzen.

— Etwas auszusetzen? — Ich konnte es kaum glauben. — Versuchst du gerade, daraus eine Beziehungskrise zu machen? Als wären wir beide irgendwie gemeinsam dort gelandet?

Er schwieg.

— Nein, Markus. Nicht „wir“. Du allein hast eine fremde Frau in mein Zuhause gebracht.

Ich ging in den Flur, holte seinen alten Koffer vom oberen Schrankfach und stellte ihn auf den Boden.

Ich packte seine Sachen schweigend. Warf alles in einen Haufen: Hemden, Jeans, Socken, Rasierer. Zuerst versuchte er, mich aufzuhalten, dann lief er mir durch die Wohnung nach, später setzte er sich nur noch auf die Sofakante und sah zu.

Beim dritten Hemd nahm ich plötzlich den Geruch eines fremden Parfums wahr. Kaum spürbar. Süßlich, kühl. Und da begriff ich noch etwas: Das war nicht der erste zufällige Fund gewesen.

Ich hatte nur früher immer eine Erklärung gefunden.

Fremder Geruch — Geschäft, Büro, U-Bahn.

Helles Haar — Arbeit, Kolleginnen, Bahn.

Unbekannte Quittung — falsche Tasche.

Verspätung — Inventur.

Verschlossenes Handy — berufliche Nachrichten.

Eine Frau sieht die Wahrheit oft sehr lange nicht, nicht weil sie dumm ist. Sondern weil die Wahrheit zu teuer ist. Wenn man sie anerkennt, muss man sein ganzes Leben verändern.

Als der Koffer fast voll war, klingelte es.

Wir erstarrten beide.

Ich öffnete.

Vor der Tür stand Frau Hoffmann mit einem Teller Hefeschnecken unter einer Serviette.

Sie sah mein geschwollenes Gesicht, Markus im Flur, den Koffer zu seinen Füßen — und verstand sofort alles.

— Ach, — sagte sie leise.

Ich nahm ihr den Teller ab.

— Danke. Kommt genau richtig.

Sie zögerte, dann senkte sie die Stimme:

— Annchen … verzeih mir. Ich habe dich gestern gefragt, und danach hatte ich den ganzen Abend keine Ruhe. Ich dachte wirklich, du wüsstest es.

Das war es.

Die letzte Nadel stach genau in diesem Moment.

Nicht, als ich die Geliebte sah. Nicht, als er gestand. Sondern als die Nachbarin diesen Satz sagte.

Ich dachte, du wüsstest es.

Für die anderen war es also schon fast eine geordnete Wirklichkeit gewesen. Natürlich, was denn sonst: Ich wusste einfach, dass in mein Zuhause, während ich bei der Arbeit war, die Geliebte meines Mannes kam.

Ich nickte langsam.

— Jetzt weiß ich es.

Markus nahm den Koffer und ging zum Aufzug, ohne den Blick zu heben. Frau Hoffmann drückte sich an die Wand, um ihn vorbeizulassen. Er verabschiedete sich nicht einmal von ihr. Erst als die Aufzugtüren sich schlossen, fragte die Nachbarin leise:

— War sie schon lange bei euch?

Ich sah sie an.

— Offenbar öfter als ich selbst.

Frau Hoffmann wurde rot.

— Ehrlich gesagt … ich wusste am Anfang nicht einmal, welche von euch die Ehefrau ist.

Und da fing ich an zu weinen.

Ich wusste nicht einmal, welche von euch die Ehefrau ist.

Das hieß, die ganze Zeit war eine Frau durch mein Zuhause gegangen, die mir ähnlich genug war, dass fremde Menschen nicht verstanden, wem dieses Leben eigentlich gehörte.

Und ich, die Besitzerin dieses Lebens, war die Letzte gewesen, die es bemerkte.

In der Nacht saß ich allein in der Küche. Vor mir standen die Hefeschnecken, die ich nicht angerührt hatte. Der Kater strich mir um die Beine und sah verwirrt in Richtung Flur, als begreife er nicht, wohin einer seiner Menschen verschwunden war.

Ich sah langsam durch die Küche. Die Zuckerdose stand nicht dort, wo sie sonst stand.

Am Kühlschrank hing ein Magnet aus einem Café, in dem Markus und ich nie gewesen waren.

Über der Stuhllehne lag die Decke, die ich immer ins Wohnzimmer räumte — also hatte jemand lange hier gesessen, wie zu Hause.

Spuren waren überall.

Nicht grell. Klein. Gerade deshalb hatte ich sie übersehen. Denn diese fremde Frau war nicht wie eine Einbrecherin in mein Zuhause gekommen, sondern wie eine zweite Version von mir.

Ich zog den Kissenbezug ab, riss das Handtuch vom Haken, warf Servietten weg. Ihre Kleinigkeiten sammelte ich in einer Tüte. Unter dem Bett fand ich noch eine Haarnadel. In den Müll. Die zwei Tassen — ebenfalls.

Dann wurde ich müde und setzte mich einfach im Flur auf den Boden.

Das Handy lag neben mir. Auf dem Bildschirm blinkte eine Nachricht von Markus:

„Lass uns reden, wenn du dich beruhigt hast.“

Ich sah auf diese Worte und spürte nur eines — kalten, klaren Ekel.

Nicht „verzeih mir“.

Nicht „ich bin schuld“.

Nicht „was kann ich tun“.

Sondern „wenn du dich beruhigt hast“.

Als läge das Problem nicht in dem, was er getan hatte, sondern in meiner zu heftigen Reaktion.

Ich löschte die Nachricht und blockierte seine Nummer.

Danach saß ich lange im Dunkeln, bis ich eine Sache begriff.

Dieses ganze Jahr hatte ich gelebt, als sei mein Leben irgendein Durchgangsraum. Nicht das Hauptzimmer. Eher der Flur. Ein Ort, an dem man müde werden, sich umziehen, hastig essen und dann wieder loslaufen kann, um jemandem zu dienen. Dem Mann, der Arbeit, dem Haushalt, dem Kredit, dem Kater, den Verwandten, endlosen Aufgabenlisten.

Ich hatte mir schon lange nichts Schönes mehr einfach so gekauft. Ich hatte mich schon lange nicht mehr mit Interesse angesehen.

Ich hatte mich schon lange nicht mehr gefragt, was ich eigentlich will.

Vielleicht war es genau deshalb so leicht gewesen, noch eine Frau in dieses Leben einzufügen. Fast ähnlich, fast gleich. Nur frischer, leichter, bequemer.

Die Nachbarin hatte sie für meine Schwester gehalten, und mein Mann offenbar sogar für eine bessere Ausgabe von mir.

Dieser Gedanke hätte mich zerstören müssen. Aber aus irgendeinem Grund tat er das nicht. Er machte mich wütend.

Am Morgen wachte ich von der Stille auf.

Mein Mann war nicht da. Niemand raschelte im Bad, klapperte mit einer Tasse, suchte Socken, nörgelte über den Kaffee oder ging mit jenen Schritten durch die Wohnung, an die ich mich so gewöhnt hatte, dass ich sie längst nicht mehr bemerkte.

Auf dem zweiten Kissen war keine Delle. An der Garderobe hing seine Jacke nicht. Auf dem Nachttisch lagen seine Kleinigkeiten nicht mehr.

Die Küche war sonnig und irgendwie neu. Als wäre nach einem Feuer, das alles Überflüssige verbrannt hatte, leerer Raum übrig geblieben, und man wusste noch nicht, ob man trauern musste oder schon atmen durfte.

Ich kochte mir Kaffee und holte zum ersten Mal seit Langem die gute Tasse heraus. Die, die ich „für Gäste“ aufhob. Weiß, dünn, mit blauem Muster. Dumm vielleicht. Aber aus irgendeinem Grund kam mir genau das wichtig vor.

Der Kater lag ausgestreckt auf der Fensterbank. Das Telefon schwieg.

Um neun Uhr klopfte es wieder.

Für eine Sekunde sackte mir das Herz nach unten. Aber es war Frau Hoffmann.

— Ich habe mir gedacht, — sagte sie und hielt mir eine Dose hin, — du hast bestimmt nichts gegessen. Ich habe Auflauf gemacht.

Ich nahm die Dose und lächelte unerwartet.

— Danke.

Sie trat von einem Fuß auf den anderen und sagte dann leise:

— Annchen, halt durch. Und weißt du … eine schreckliche Wahrheit ist immer noch besser als so ein Leben.

Ich nickte.

Als ich die Tür schloss, sah ich mein Spiegelbild.

Immer noch ich. Dieselben Schatten unter den Augen. Dieselben irgendwie zusammengebundenen Haare. Dasselbe alte T-Shirt. Aber der Blick war anders.

Nicht glücklich. Nein.

Nur ohne Erwartung. Ohne diese stille weibliche Gewohnheit, alles glattzubügeln, auszuhalten, zu erklären mit Müdigkeit, Krise, schwierigem Charakter, männlicher Überforderung, einer schweren Phase.

Es tat weh. Sehr. Aber mit dem Schmerz kam noch etwas anderes. Die Erkenntnis, dass es nicht einfach passiert war.

Gestern war aus meinem Zuhause nicht nur mein Mann gegangen.

Gestern war ein Mensch hinausgegangen, der ein halbes Jahr lang mein Leben mit einer anderen Frau geteilt und dabei geglaubt hatte, der größte Skandal wäre, wenn ich meine Stimme erhebe.

Ich blieb.

Und eine Schwester hatte ich wirklich nie.

Dafür gibt es jetzt, Gott sei Dank, auch keine zweite Ehefrau mehr in meinem Haus.