Der Freund meines Mannes brüllte vor allen Gästen: „Du fette Idiotin!“ — und jahrelang hatte ich geschwiegen, bis er ausgerechnet an meinem eigenen Tisch begriff, wen er die ganze Zeit gedemütigt hatte

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Der Freund meines Mannes brüllte vor allen Gästen: „Du fette Idiotin!“ — und jahrelang hatte ich geschwiegen, bis er ausgerechnet an meinem eigenen Tisch begriff, wen er die ganze Zeit gedemütigt hatte

— Martina, an deiner Stelle würde ich von dem Teller lieber die Finger lassen. Da ist Kartoffelsalat mit Mayonnaise drauf. So was solltest du doch nicht essen, — sagte Stefan, ohne den Blick von den Steaks auf dem Grill zu heben. Und lachte sofort los.

Zwölf Menschen saßen am Tisch. Auf der Sommerterrasse unseres Hauses. Grillfleisch, das ich seit dem Morgen eingelegt und selbst zubereitet hatte. Die Marinade war nach einem Rezept gemacht, an dem ich beinahe drei Jahre gefeilt hatte. Und der Salat, nebenbei bemerkt, kam auch von mir.

Seit sieben Jahren lief es immer gleich. Schon bei unserer ersten Begegnung, als Klaus ihn mitbrachte, damit wir uns kennenlernten, hatte Stefan mich von oben bis unten gemustert, gepfiffen und gesagt: „Na, Klaus, du stehst also auf Frauen mit ordentlich was dran.“ Damals hatte ich gelächelt. Ich dachte, es sei ein Witz. Grob, ja, aber eben ein Witz.

Wie sehr ich mich geirrt hatte.

Klaus und ich hatten vor acht Jahren geheiratet. Ich war vierzig, er achtunddreißig. Für uns beide war es die zweite Ehe. Klaus arbeitete als Ingenieur in einem Planungsbüro, und ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits meine zweite Filiale von „Süße Sache“ eröffnet. Eine kleine Konditoreikette. Meine. Von null aufgebaut, ohne Kredite und ohne fremde Hilfe. Drei Jahre lang steckte ich jeden verdienten Euro wieder in den Betrieb. Als wir standesamtlich heirateten, hatte ich zwei Läden. Heute sind es fünf.

Stefan war Klaus’ Freund seit der Schulzeit. Sie waren zusammen aufgewachsen, zusammen bei der Bundeswehr gewesen und fuhren jeden Herbst gemeinsam zum Angeln an die Müritz. Für Klaus war Stefan fast wie ein Bruder. Das verstand ich. Vielleicht war genau das der Grund, warum ich so lange schwieg.

Klaus wusste Bescheid. Ich selbst hatte ihn gebeten, Stefan nichts zu sagen. Ich wollte Freundschaft und Geschäft nicht miteinander vermischen. Also schwieg Klaus.

Und Stefan machte weiter mit seinen Sprüchen.

An jenem Abend auf der Terrasse stellte ich die letzte Schüssel auf den Tisch — Ofengemüse mit Kräutern — und setzte mich neben Klaus. Stefan schenkte schon Wein in die Gläser. Seine Frau Helene saß mir gegenüber und starrte auf ihren Teller. Sie sah immer auf ihren Teller, wenn ihr Mann wieder zu seiner kleinen Vorstellung ansetzte.

— Martina, bis zum Sommer könntest du ruhig ein bisschen abnehmen, — sagte Stefan und reichte jemandem ein Glas. — Ziehst du überhaupt noch einen Badeanzug an? Oder versteckst du dich wieder hinter so einem Strandtuch?

Am Tisch wurde es still. Jemand räusperte sich verlegen. Klaus legte seine Hand auf mein Knie. Diese vertraute Geste. „Halte durch. Er meint es doch nicht böse.“

Ich nahm mein Glas. Sah Stefan an.

— Stefan, weißt du eigentlich, dass deine Agentur den Kredit für euer Büro immer noch nicht abbezahlt hat? — fragte ich ruhig. Ohne Schärfe. Einfach wie eine Tatsache. Ich wusste es, weil Nina einmal nebenbei erwähnt hatte, dass sie die Verzögerung bei den Entwürfen mit Problemen bei der Büromiete erklärt hatten.

Sein Grinsen zuckte. Nur für einen winzigen Moment. Dann lachte er wieder.

— Woher weißt du denn was über mein Büro? — Er drehte das Glas in seiner Hand. — Hat Klaus geplaudert? Na, stark, Bruder.

Klaus sagte nichts.

Ich trank meinen Wein aus. Stefan sprang sofort zu einem anderen Thema: Fußball, Urlaub, Auto. Alles wie immer. Und ich dachte: Gut. Nicht das erste Mal. Auch das werde ich überstehen.

Spät am Abend, als alle gegangen waren, stand ich am Spülbecken und wusch Geschirr. Klaus trat von hinten an mich heran und legte die Arme um mich.

— Verzeih ihm. Er ist einfach so.

— Ich weiß sehr genau, wie er ist, — antwortete ich. — Aber „er ist eben so“ ist keine Entschuldigung.

Klaus küsste mich auf den Hinterkopf und ging schlafen. Ich blieb an der Spüle stehen, während heißes Wasser über meine Finger lief und ich weder Wärme noch Geborgenheit spürte. Nur Müdigkeit. Sieben Jahre dieselben Seitenhiebe. Sieben Jahre dieselben Rechtfertigungen von Klaus. Sieben Jahre dasselbe schwere Schweigen am Tisch.

Einen Monat später rief Stefan an. Er lud uns zu seinem Geburtstag ein. Zweiundvierzig.

Ich backte eine Torte. Vielleicht war das dumm. Aber ich bin nun einmal Konditorin. Dreistöckig, mit Schokoladenglasur, Karamelldekor und feiner Füllung. Sechs Stunden Arbeit. Baiser separat, Creme separat, Dekoration separat. Fast vier Kilo wog sie.

Klaus trug die Schachtel so vorsichtig zum Auto, als läge ein Baby darin.

— Wunderschön, — sagte er. — Stefan wird ausflippen.

Stefan flippte tatsächlich aus. Nur nicht so, wie wir es erwartet hatten.

Etwa zwanzig Gäste waren da. Ein Restaurant, das Stefan für den ganzen Abend gemietet hatte. Ein langer Tisch, strahlend weiße Tischdecken, Livemusik. Helene in einem neuen Kleid, leise wie immer. Stefan im Mittelpunkt. Gebräunt, weißes Lächeln, Hemd für bestimmt dreihundert Euro. Er umarmte jeden, der hereinkam, klopfte den Männern auf die Schulter und küsste den Frauen die Hand. Ein unglaublich charmanter Mensch. Solange man ihn nicht näher kannte.

Ich stellte die Schachtel auf einen Beistelltisch. Hob den Deckel ab. Die Torte glänzte wirklich. Die Karamellfäden fingen das Licht der Lampen ein. Einige Gäste kamen näher und machten Fotos.

— Wer hat die gemacht? — fragte eine Frau in einem weinroten Kleid.

— Ich, — antwortete ich.

— Sie sind Konditorin?

— Ja.

Stefan kam dazu. Er sah zuerst die Torte an, dann mich.

— Martina, — sagte er, — die Torte ist natürlich der Hammer. Aber vielleicht solltest du nicht so viel Sahne an dich selbst verschwenden, was? — Er lachte. Dann drehte er sich zu den Gästen. — Unsere Martina liebt Süßes, wie man sieht. Das merkt man, oder?

Und er klopfte mir auf die Schulter.

Ich stand neben einer vier Kilo schweren Torte, an der ich sechs Stunden gearbeitet hatte, und zwanzig Menschen sahen mich an. Einige wandten den Blick ab. Andere pressten ein unsicheres Lächeln hervor. Helene betrachtete ihr Glas.

In mir machte etwas klick. Es brannte nicht auf. Es explodierte nicht. Es klickte nur. Als hätte sich ein Schloss geschlossen.

— Stefan, — sagte ich sehr ruhig, — diese Torte kostet hundertzwanzig Euro. Sechs Stunden meiner Arbeit stecken darin. Du hast gerade einen Menschen beleidigt, der dir ein handgemachtes Geschenk gebracht hat. Deshalb nehme ich die Torte wieder mit.

Und ich schloss die Schachtel.

Die Stille wurde so dicht, dass man irgendwo in der Küche Wasser tropfen hörte.

— Ist das dein Ernst? — Stefan blinzelte.

— Mehr als das.

Ich hob die Schachtel an. Vier Kilo. Meine Hände zitterten nicht einmal. Ich drehte mich um und ging zum Ausgang.

Klaus holte mich erst auf dem Parkplatz ein.

— Martina, warte.

— Ich warte im Auto.

— Er hat es doch nicht so gemeint. Er ist einfach…

— Klaus, — ich stellte die Schachtel auf die Motorhaube. — Er ist seit sieben Jahren „einfach“. Bei jedem Treffen. Vor allen Leuten. Ich werde nicht länger so tun, als wäre das normal. Fahr los.

Wir fuhren weg. Am nächsten Morgen brachte ich die Torte in meine Konditorei. Sie war in weniger als einer Stunde verkauft.

Den ganzen Heimweg schwieg Klaus. Erst zu Hause sagte er:

— Er ist beleidigt.

— Ich auch, — antwortete ich.

An diesem Abend saß ich allein in der Küche. Draußen war es still. Ich trank Tee und dachte daran, dass hundertzwanzig Euro nicht die Welt waren. Und sechs Stunden auch nicht das ganze Leben. Aber zwanzig Menschen, die gesehen hatten, wie ich mein Geschenk wieder mitnahm — das war etwas Neues. Ich wusste nicht, ob ich richtig gehandelt hatte. Aber mein Rücken war gerade. Und das bedeutete immerhin etwas.

Zwei Wochen später rief Stefan an, als wäre nie etwas passiert. Er lud zu einer Poolparty ein. Und scherzte: „Diesmal aber ohne Torten.“

Ich wollte nicht hin. Überhaupt nicht. Ich sagte Klaus, dass ich nicht fahren würde. Er nickte. Doch ein paar Tage später sagte er trotzdem:

— Martina, Sebastian und Olivia werden da sein. Daniel auch. Wir haben sie ewig nicht gesehen. Ich verlange nicht, dass du dich mit Stefan versöhnst. Lass uns einfach zusammen hinfahren. Mir zuliebe.

Mir zuliebe. Acht Jahre lang — ihm zuliebe. Jeder Feiertag, jedes gemeinsame Wochenende, jede alberne Feier. Ich hatte einmal nachgerechnet: In sieben Jahren hatten wir Stefan ungefähr sechzig Mal getroffen. Acht bis zehn Treffen pro Jahr. Und kein einziges ohne irgendeine Bemerkung über mein Gewicht, mein Essen, meine Figur oder meine Kleidung.

Sechzig Treffen. Sechzig Demütigungen. Und jedes Mal hatte ich entweder gelächelt, geschwiegen oder war in ein anderes Zimmer gegangen. Und Klaus sagte danach zuverlässig: „Er meint es doch nicht böse.“

Ich fuhr trotzdem mit.

Stefan hatte ein Haus außerhalb der Stadt. Großes Grundstück, Pool, Grillbereich. Alles schön, alles teuer, alles auf Wirkung. Er liebte es zu zeigen: Seht her, was ich erreicht habe. Weiße Liegen, Licht im Wasser, Musik aus den Lautsprechern. Achtzehn Gäste waren da. Die Hälfte kannte ich, die anderen nicht.

Ich trug einen geschlossenen Badeanzug und darüber eine Tunika. Größe 52 — ja, ich bin eine kräftige Frau. Und ich weiß das. Jeden Tag weiß ich es, wenn ich aufwache, mich anziehe, zur Arbeit fahre, fünf Konditoreien leite und zweiunddreißig Menschen ihr Gehalt zahle. Mein Gewicht ist mein Gewicht. Es geht ihn nichts an.

Die erste Stunde blieb alles ruhig. Stefan stand am Grill und unterhielt sich mit neuen Gästen. Ich saß auf einer Liege, trank Zitronenlimonade und sprach mit Olivia. Olivia mochte ich. Sie war ebenfalls eine kräftige Frau, und auch sie bekam von Stefan ihre „Witze“ ab, nur seltener, weil sie ihn nur ein paar Mal im Jahr sah.

Dann kam Stefan herüber. Mit Glas. Mit seinem typischen Lächeln. Braun gebrannt, trainiert. Er blieb neben mir stehen.

— Martina, warum gehst du nicht in den Pool? Das Wasser ist großartig.

— Ich habe keine Lust, — sagte ich.

— Ach komm schon! Alle baden. Oder hast du Angst, dass der Pool überläuft?

Jemand prustete los. Zwei oder drei Leute. Der Rest tat so, als hätte er nichts gehört.

Ich antwortete nicht. Ich wandte mich wieder Olivia zu und führte unser Gespräch fort. Ich dachte, er würde gleich verschwinden. Wie immer. Einen Spruch ablassen, ich schweige, der Abend endet, wir fahren nach Hause.

Aber Stefan ging nicht. Er stand direkt hinter mir. Ich spürte seinen Schatten.

Und plötzlich brüllte er so laut, dass alle es hören mussten:

— Du fette Idiotin! Ab ins Wasser mit dir!

Dann stieß er mich. Hart. Mit beiden Händen gegen den Rücken. Ich war gerade von der Liege aufgestanden, um von ihm wegzugehen, und stand direkt am Beckenrand.

Wasser. Ein Schlag gegen den Körper. Chlor in der Nase. Die Tunika sog sich sofort voll und zog mich nach unten. Ich tauchte wieder auf, griff nach dem Rand. In meinen Ohren rauschte es. Oben sah ich ihn stehen — lachend, die Arme ausgebreitet: „Jetzt hab dich nicht so, war doch nur Spaß!“

Achtzehn Menschen starrten mich an. Manche lachten. Manche schwiegen. Klaus rannte vom Grill auf mich zu. Helene stand da, weiß wie Kreide.

Ich kletterte allein aus dem Pool. Ohne Hilfe. Die nasse Tunika klebte an meinem Körper. Meine Haare hingen mir an der Stirn. Das Handy in meiner Tasche war sofort tot. Achthundert Euro verwandelten sich in ein nasses Stück Plastik.

Ich nahm ein Handtuch von der Nachbarliege. Wickelte es um mich. Wischte mir das Gesicht ab. Meine Hände zitterten nicht. Darüber staunte ich selbst.

— Stefan, — sagte ich mit ruhiger Stimme. — Du hast mich gerade gegen meinen Willen in den Pool gestoßen. Du hast mein Handy ruiniert. Es kostet achthundert Euro. Ich erwarte die Überweisung bis morgen.

Er hörte auf zu lachen. Für den Bruchteil einer Sekunde. Dann zog er wieder sein Grinsen auf.

— Martina, was soll das denn? Das war ein Gag. Kauf dir eben ein neues.

— Ich erwarte das Geld bis morgen, — wiederholte ich. — Sonst erstatte ich Anzeige. Das ist kein Spaß, Stefan. Das ist körperliche Gewalt.

Stille legte sich über den Garten. Sogar die Musik schien leiser zu werden.

Klaus stand neben mir. Auch er war nass — er war mir hinterhergesprungen, aber ich war da schon aus dem Becken geklettert.

— Wir fahren, — sagte er. Und zum ersten Mal seit sieben Jahren fügte er nicht hinzu: „Er wollte das nicht.“

Im Auto saß ich auf einem Handtuch. Wasser lief vom Sitz herunter. Ich war nass, wütend und zugleich vollkommen ruhig. Ein seltsames Gefühl. Die Wut war nicht heiß. Sie war kalt. Klar. Wie ein frostiger Morgen.

Stefan überwies das Geld nicht. Nicht am nächsten Tag. Nicht nach drei Tagen. Nicht nach einer Woche. Stattdessen schrieb er Klaus: „Sag deiner, sie soll keine Hysterie machen. Spaß ist Spaß. Und überhaupt soll sie dankbar sein, dass ich sie bei unseren Treffen überhaupt noch ertrage.“

Klaus zeigte mir die Nachricht wortlos. Ich las sie. Und in mir verschob sich endgültig etwas. Es zerbrach nicht. Es verschob sich. Wie ein Hebel, der lange nicht einrasten wollte und jetzt endlich an der richtigen Stelle saß.

Eine Woche später gaben wir ein Abendessen bei uns. Teilweise geschäftlich. Ich hatte zwei mögliche Franchise-Partner eingeladen. Klaus einige Kollegen. Und Stefan lud sich selbst ein. Er rief Klaus an: „Hab gehört, bei euch ist was los. Ich komme mit Helene vorbei.“ Klaus fragte mich. Ich sagte: Soll er kommen.

Zwölf Menschen saßen an unserem langen Tisch. In unserem Wohnzimmer, wieder bei uns. Ich hatte zwei Tage gekocht. Nicht wegen Stefan. Sondern weil unter den Gästen Herr Schneider und Frau Fischer waren — Besitzer einer Cafégruppe aus Nürnberg, die sich für mein Franchise interessierten. Dieses Abendessen war wichtig. Wirklich wichtig.

Stefan erschien in seinem typischen Hemd, brachte eine Flasche Wein für zwanzig Euro und Helene mit. Er umarmte Klaus, nickte mir zu und setzte sich an den Tisch. In der ersten Stunde benahm er sich ordentlich: Er scherzte, erzählte vom Urlaub in der Türkei, lobte das Essen. Ich dachte sogar kurz: Vielleicht hat die Sache mit dem Pool ihm doch irgendetwas beigebracht.

Nein.

Als wir beim Dessert angekommen waren — ich servierte Tartelettes mit Beerencreme, ebenfalls von Hand gemacht — lehnte Stefan sich breit auf seinem Stuhl zurück. Ein Glas Rotwein in der Hand, der Blick schon schmierig.

— Unsere Martina kann übrigens nicht nur fantastisch kochen, sondern auch fantastisch essen, — sagte er zu Herrn Schneider. — Klaus, erzähl mal, wie viel sie auf einmal verdrücken kann.

Herr Schneider hob die Augenbrauen. Frau Fischer legte ihre Kuchengabel ab.

Ich saß am anderen Ende des Tisches. Vor mir stand ein Tartelette. Beerencreme. Am Morgen von mir gekocht. Vier Stunden in der Küche. Zwei Tage Vorbereitung. Franchise-Partner. Mein Haus. Mein Tisch. Mein Essen.

Und dieser Mensch — schon wieder.

In mir wurde es plötzlich sehr still. Keine Wut. Stille. Diese besondere Stille, die eine Sekunde vor einer endgültigen Entscheidung kommt.

Ich stand auf. Langsam. Nahm mein Telefon — das neue, gekauft anstelle des ertränkten. Achthundert Euro aus meiner Tasche, weil Stefan nie etwas überwiesen hatte.

— Nina, — sagte ich ins Telefon. Im Wohnzimmer wurde es sofort still. — Hier ist Martina. Ja, ich weiß, es ist Abend. Hör zu, bitte bereite morgen früh die Kündigung aller laufenden Verträge mit „Brise Media“ vor. Aller Verträge. Design, Social Media, saisonale Aktionen — alles. Begründung: unzufriedenstellende Qualität der Kommunikation. Ja, für alle fünf Filialen. Ja, ich bin sicher. Einen neuen Dienstleister finden wir innerhalb einer Woche. Danke.

Ich legte das Telefon auf den Tisch. Und sah Stefan an.

Er verstand noch nicht. Noch nicht. Er sah mich mit diesem Blick an, mit dem man jemanden ansieht, der plötzlich in einer fremden Sprache spricht.

— Martina, — sagte er, — was machst du da?

— Stefan, — antwortete ich, — „Konditorei Plus“ ist meine Firma. „Süße Sache“ ist meine Kette. Fünf Konditoreien. Zweiunddreißig Angestellte. Seit sechs Jahren lebt deine Agentur von meinen Aufträgen. Achtundvierzigtausend Euro im Jahr. Fast die Hälfte deines Umsatzes. Ich habe es geprüft.

Ich sah, wie sich sein Gesicht veränderte. Schritt für Schritt. Zuerst Unverständnis. Dann hektisches Rechnen. Dann Begreifen. Und schließlich Angst.

— Warte, — er stellte das Glas ab, und der Wein schwappte auf die Tischdecke. — „Konditorei Plus“ bist du? Nina ist deine Mitarbeiterin?

Herr Schneider saß reglos da. Frau Fischer betrachtete Stefan mit einem Blick, den ich nur zu gut kannte. So sieht man ein Insekt an, das plötzlich auf dem Teller liegt.

— Martina, jetzt warte doch, — Stefan sprang auf. Seine Hände zitterten. In all den Jahren sah ich zum ersten Mal, dass seine Hände zitterten. — Das ist Geschäft. Da darf man nichts Persönliches reinziehen. Klaus und ich sind Freunde. Ich wusste es einfach nicht. Ich wusste es wirklich nicht!

— Du wusstest nicht, dass „Konditorei Plus“ mir gehört, — sagte ich und nickte. — Aber du wusstest sehr wohl, dass ich ein Mensch bin. Und das war dir egal.

Helene saß unbeweglich da, die Augen gesenkt. Wie immer.

Klaus sah mich an. Und hielt mich nicht auf. Zum ersten Mal seit acht Jahren hielt er mich nicht auf.

— Martina, — Stefan machte einen Schritt auf mich zu, — lass uns reden. Nicht hier. Unter vier Augen. Ich…

— Nein, — sagte ich. — Sieben Jahre lang hast du mich vor allen gedemütigt. Jetzt antworte ich dir vor allen. Die Verträge werden beendet. Das ist meine endgültige Entscheidung.

Ich setzte mich wieder. Nahm mein Tartelette. Biss hinein. Die Beerencreme war makellos — Vanille, die feine Säure der Himbeeren, ein perfekt ausbalancierter Geschmack. Ich war zufrieden mit mir.

Stefan stand mitten in meinem Wohnzimmer, neben der Tischdecke, auf die Rotwein gelaufen war, mit einem Gesicht, das ich noch nie an ihm gesehen hatte. Dann drehte er sich um und ging. Helene stand auf und folgte ihm. Die Haustür schlug zu.

Am Tisch blieb es still. Ich trank mein Wasser aus.

Herr Schneider räusperte sich.

— Frau Berger, — sagte er, — Ihr Franchise ist tatsächlich ausgesprochen interessant.

Ich lächelte. Ehrlich. Zum ersten Mal an diesem Abend.

Als die Gäste gegangen waren, räumten Klaus und ich den Tisch ab. Er schwieg. Dann sagte er doch:

— Dir ist klar, dass er mich jetzt jeden Tag anrufen wird?

— Ja.

— Und was soll ich ihm sagen?

— Die Wahrheit. Dass er in mein Haus gekommen ist und die Gastgeberin beleidigt hat.

Klaus stellte einen Teller in die Spüle. Sah mich an.

— Ich hätte ihn schon vor langer Zeit stoppen müssen.

Ich sagte nichts. Denn ja. Das hätte er. Aber er hatte es nicht getan. Und auch das gehörte zu dieser Geschichte.

Zwei Monate vergingen. Stefan verlor meine Verträge. Achtundvierzigtausend Euro im Jahr — das war ein ernstes Loch. Er musste drei Mitarbeiter entlassen. Später zog er in ein kleineres Büro. Das erzählte mir Klaus, der ihn weiterhin alle zwei Wochen besuchte.

Man sagt, Stefan erzähle jetzt überall, ich sei „nachtragend“ und hätte „den Moment geschickt ausgenutzt“. Ich hätte „Geschäftliches mit Privatem vermischt“. „Normale Unternehmer“ würden so etwas nicht tun.

Vielleicht stimmt das. Vielleicht stoßen normale Unternehmerinnen ihre Auftraggeberinnen aber auch nicht in den Pool.

Klaus fährt manchmal immer noch allein zu Stefan. Ich verbiete es ihm nicht. Es ist sein Freund. Aber an unserem Tisch hat Stefan nie wieder gesessen. Und ich bin ruhig. Zum ersten Mal seit sieben Jahren wirklich ruhig.

Nur eine Frage lässt mich bis heute nicht los.

Bin ich zu weit gegangen, als ich die Verträge vor seinen Geschäftspartnern beendete? Oder war er selbst all die Jahre auf genau diesen Moment zugelaufen — über sechzig Treffen, über „du fette Idiotin“, über den Pool? Was hättet ihr getan?