Der König gab seine üppige Tochter zur Strafe einem Sklaven – doch niemand ahnte, dass aus dieser Demütigung eine Liebe entstehen würde, die das ganze Reich erschütterte
— Du wirst sie nicht berühren, solange sie es nicht selbst verlangt. Aber von heute an wirst du bis an dein Lebensende an ihrer Seite bleiben.
In jener Nacht lag Katharina auf einer dünnen Matratze und starrte lange an die Decke. Draußen fiel Regen. Die Tropfen klopften leise gegen das kleine Fenster und hallten im kahlen Raum wider. Der Mann hatte sich auf dem Boden in eine alte Decke gewickelt und war schweigend eingeschlafen.
Es war still. Doch diese Stille war anders als die im Palast. Hier gab es keine verächtlichen Blicke, keine geflüsterten Beleidigungen und keinen verborgenen Hass. Es gab nur Ruhe. Der Mensch neben ihr sah sie nicht mit Abscheu an. Er machte sie nicht klein.
Und zum ersten Mal seit vielen Jahren bemerkte Katharina, dass sie keine Angst empfand. In ihr öffnete sich eine seltsame Leere. Sie tat nicht weh. Im Gegenteil. Es fühlte sich an, als würde in ihrem Leben zum ersten Mal Platz für einen neuen Anfang entstehen.
Am Morgen stand der Mann mit größter Vorsicht auf. Um sie nicht zu wecken, hielt er beinahe den Atem an und setzte jeden Schritt so leise wie möglich. Katharina hatte die Augen bereits geöffnet und beobachtete ihn, ohne etwas zu sagen.
Ihr ganzes Leben lang war sie von Menschen umgeben gewesen, die ihr ins Gesicht Ehrerbietung zeigten und hinter ihrem Rücken grausam über sie sprachen. Nun war der Einzige, der bei ihr blieb, dieser stille, verwundete Mann, den ihr Vater für den Geringsten von allen hielt.
Am Morgen des dritten Tages nahm er endlich all seinen Mut zusammen und sprach zum ersten Mal.
— Gnädige Frau … Soll ich Euch etwas Brot holen? — fragte er so leise, dass seine Stimme kaum zu hören war.
Katharina zögerte. Mit dieser Frage hatte sie nicht gerechnet. Schließlich schüttelte sie sanft den Kopf und antwortete ruhig:
— Nein … Ich habe keinen Hunger.
Es war eine Lüge. Ihr Magen war leer, doch sie fand nicht die Kraft, es einzugestehen. Jonas stellte keine Fragen. Er drängte nicht, machte sich nicht über sie lustig und übte keinen Druck aus. Er nickte nur leicht und verließ den Raum.
Am vierten Tag schrubbte er den Steinboden von einer Wand bis zur anderen. Am fünften stand er lange vor Katharina auf und entzündete das Feuer im Kamin, sodass der Raum zum ersten Mal wirklich warm wurde. Am sechsten Tag legte er schweigend einen kleinen Strauß Wiesenblumen auf den Tisch, den er draußen gepflückt hatte. Wieder erklärte er nichts. Wieder erwartete er keine Gegenleistung.
Doch am siebten Tag war es Katharina, die das lange, vorsichtige Schweigen zwischen ihnen brach.
— Wie heißt du? — fragte sie leise.
Jonas zögerte einen Moment. Dann hob er zum ersten Mal den Kopf und sah ihr direkt in die Augen.
— Jonas.
Katharina wiederholte seinen Namen langsam.
— Jonas …
In diesem Namen lag kein Titel, kein Zeichen von Adel. Und doch spürte sie darin eine Wärme, die sie nicht erklären konnte. Etwas Echtes, Schlichtes und Aufrichtiges, wie sie es in all den Jahren am Hof nie kennengelernt hatte.
Mit jedem Tag verbrachten sie mehr Zeit miteinander. Der vernachlässigte Garten hinter dem Schloss wurde zu ihrem Zufluchtsort. Zwischen erfrorenen Rosenstöcken, rissiger Erde und tiefer Stille saßen sie oft stundenlang beieinander.
Eines Tages deutete Jonas auf die violetten Lavendelbüsche und sagte ruhig:
— Diese Pflanzen werden nach einem harten Rückschnitt am stärksten. Wenn ihre Wurzeln gestört und ihre Erde umgegraben wird, glaubt jeder, der sie sieht, sie seien tot. Aber genau dann beginnen sie neu zu leben. In dem Augenblick, in dem sie scheinbar ihre Kraft verlieren, werden sie in Wahrheit wiedergeboren.
Katharina sah ihn überrascht an. Seine Worte verletzten sie nicht. Sie erreichten vielmehr behutsam einen Teil ihres Herzens, den lange niemand mehr berührt hatte.
— Und du? — flüsterte sie. — Musstest du auch oft von vorn anfangen?
Ein kurzes, trauriges Lächeln erschien auf Jonas’ Lippen.
— Ich habe vor langer Zeit aufgehört zu zählen.
Unwillkürlich lachte Katharina.
Dieses Lachen klang so frei, dass sie selbst darüber erschrak. Es war ein Laut, den sie seit ihrer Kindheit beinahe vergessen hatte. Von diesem Tag an kümmerten sie sich gemeinsam um den Garten. Katharina kniete im feuchten Boden, ohne sich darum zu sorgen, dass der Saum ihres teuren Kleides schmutzig wurde. Jonas zeigte ihr mit großer Geduld, wie man Zweige zurückschnitt, Pflanzen wässerte und ausgelaugte Erde wieder fruchtbar machte. Dabei achtete er stets darauf, ihre Grenzen nicht zu überschreiten und ihr niemals auch nur den geringsten Anlass zu Unbehagen zu geben.
Eines Morgens stellte sich Katharina vor den Spiegel und betrachtete sich lange.
Ihr Körper war noch derselbe.
Das runde Gesicht, die weiche Fülle und das Äußere, das alle verachtet hatten, waren unverändert.
Aber ihre Augen blickten anders.
In ihnen lag nicht mehr dieselbe Verzweiflung wie früher.
Langsam wichen Schmerz und Scham einer vorsichtigen Hoffnung und dem Wunsch zu leben.
Zum ersten Mal sah sie im Spiegel nicht eine Prinzessin, für die sie sich schämen musste, sondern einen Menschen, der Wert besaß.