Der Urlaub, der ihr Leben zerbrach: Annette kam früher ins Wochenendhaus und fand dort das Auto ihres Mannes — und eine Wahrheit, die zwanzig Jahre Ehe auslöschte
Annette blieb noch eine ganze Weile im Wagen sitzen. Ihre Finger lagen so fest um das Lenkrad, dass die Knöchel weiß hervortraten. Ihr Herz schlug ungleichmäßig, nicht aus Angst, sondern wegen dieses dumpfen, schweren Gefühls, das sich manchmal vor einem Unglück meldet, ohne dass man es erklären kann. Vor dem Gartentor stand Markus‘ Auto. Verschlammt bis über die Radkästen, als wäre er nicht eben erst gekommen, sondern schon seit gestern hier. Auf der Motorhaube glitzerten winzige Tropfen des letzten Regenschauers.
— Das ist doch seltsam… — flüsterte sie kaum hörbar.
Ihr Mann hatte ihr versichert, im Büro breche alles über ihm zusammen. Dringende Unterlagen, wichtige Besprechungen, Arbeit bis spät in die Nacht. Sogar am Morgen, kurz bevor Annette losfahren wollte, hatte er noch angerufen und mit müder Stimme gesagt:
— Genieß deine freien Tage, du Glückliche. Ich sitze heute bestimmt bis Mitternacht am Schreibtisch.
Und nun stand sein Wagen ganz selbstverständlich vor dem Zaun ihres Wochenendgrundstücks.
Annette stieg langsam aus. In der Luft hing der Geruch von feuchter Erde und jungem Frühlingsgras. Irgendwo hinter den Büschen rief ein Vogel schrill auf. Alles ringsum wirkte so friedlich, dass diese Szene noch absurder, noch falscher erschien.
Das kleine Gartentor war nicht verschlossen.
— Markus? — rief sie, als sie den Hof betrat.
Keine Antwort.
Auf der überdachten Terrasse stand eine fremde Damenhandtasche. Klein, hell, elegant, gewiss nicht billig. Annette blieb so abrupt stehen, als wäre vor ihr eine unsichtbare Wand hochgezogen worden.
Diese Tasche hatte sie noch nie gesehen.
Eine eisige Kälte breitete sich in ihrer Brust aus.
In diesem Moment drang Lachen aus dem Haus. Frauenlachen.
Annette spürte, wie in ihr alles ins Bodenlose sank.
Unwillkürlich wich sie einen Schritt zurück. Doch gleich darauf richtete sie trotzig den Rücken auf und ging die Stufen zur Veranda hinauf. Ihre Finger zitterten so stark, dass ihr der Schlüsselbund aus der Hand glitt und klirrend auf die Holzdielen fiel.
Das Lachen verstummte sofort.
Die Tür wurde fast im selben Augenblick aufgerissen.
Markus stand auf der Schwelle.
Er wurde so plötzlich blass, dass Annette die Wahrheit begriff, noch bevor sie die Frau hinter seiner Schulter sah.
Jung.
Etwa dreißig.
Mit langen dunklen Haaren und in ihrem, Annettes, Hausmantel.
Für einige Sekunden sagte niemand etwas.
Nur der Wind bewegte leicht die alte Gardine am Fenster.
— Annette… Warum bist du denn hier? — brachte Markus schließlich hervor.
Diese Frage traf sie härter als eine Ohrfeige.
— Muss ich inzwischen um Erlaubnis bitten, wenn ich mein eigenes Wochenendhaus betrete? — antwortete sie leise.
Die Frau hinter Markus zog den Hausmantel nervös fester um sich.
— Markus, ich gehe vielleicht besser… — murmelte sie.
— Bleib sitzen! — fuhr er sie scharf an, verstummte aber sofort wieder, als erschrecke er selbst vor seinem Ton.
Annette sah ihren Mann an, als stehe dort zum ersten Mal ein Fremder vor ihr.
Zwanzig Jahre.
Zwanzig Jahre Ehe zerfielen in diesem Augenblick direkt vor ihren Augen.
In ihrem Gedächtnis tauchten plötzlich Einzelheiten auf, die sie früher beiseitegeschoben hatte: seine späten Heimwege, die überraschenden Dienstreisen, seine Gereiztheit, sobald sie vorschlug, gemeinsam zum Haus zu fahren. Selbst seine ständigen Bemerkungen, man solle das Grundstück endlich verkaufen, bekamen nun einen völlig anderen Klang.
Er hatte dieses Haus gar nicht gehasst.
Er hatte hier nur Platz geschaffen für ein anderes Leben.
— Wer ist das? — fragte Annette mit einer Ruhe, die sie selbst erschreckte.
Markus fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.
— Das ist… Sophie.
— Seit wann?
Er schwieg.
Und dieses Schweigen klang grausamer als jedes Geständnis.
Annette trat langsam ins Haus. Auf dem Tisch standen zwei Tassen, eine Flasche Wein und aufgeschnittener Käse. Über der Stuhllehne hing ein Frauenpullover.
Ein fremdes Leben.
In ihrem Haus.
In ihrer Küche.
In ihrer Stille.
Plötzlich sah sie sich selbst wieder, wie sie vor Jahren genau diese Vorhänge ausgesucht hatte. Wie sie unter den Fenstern Pfingstrosen gepflanzt hatte. Wie sie davon geträumt hatte, hier mit Markus alt zu werden.
Wie töricht.
— Dabei habe ich dich wirklich geliebt, Markus, — sagte Annette leise, ohne sich umzudrehen.
Hinter ihr legte sich ein schweres Schweigen über den Raum.
Dann sagte Markus die Worte, die sie nie wieder aus ihrem Gedächtnis löschen würde:
— Annette… Ich wollte es dir schon lange sagen. Ich gehe.
Annette weinte nicht.
Nicht sofort. Nicht nach einer Minute. Nicht einmal, als Markus den Blick senkte, als schäme er sich plötzlich für sein eigenes Bekenntnis. In ihr war etwas zu Stein geworden. Ein sonderbarer Zustand: Wenn der Schmerz zu groß ist, weigert sich der Körper, ihn noch zu fühlen.
Sophie war die Erste, die die Stille durchbrach.
— Ich wusste nicht, dass Sie kommen… — sagte sie leise, ohne Annette in die Augen zu sehen.
Annette wandte sich langsam zu ihr um. Die junge Frau wirkte verunsichert, aber nicht schuldig. Genau das brannte am meisten.