Die Nachbarin fragte mich, ob am Nachmittag meine Schwester bei mir gewesen sei. Nur hatte ich in meinem ganzen Leben nie eine Schwester
Wir blieben zu zweit zurück.
Und erst dann wurde es wirklich beängstigend. Denn eine fremde Frau zu hassen ist leichter. Sie ist der Einbruch.
Neben mir in der Küche stand aber mein Mann. Der Mensch, mit dem ich fünfzehn Jahre gelebt hatte. Der wusste, dass ich Angst habe, nachts Auto zu fahren, dass ich rohe Zwiebeln hasse, dass ich bei alten Liedern weine, wie ich mit Fieber aussehe.
Der mich nach der Fehlgeburt gesehen hatte, nach dem Tod meines Vaters, nach der Operation, nach Krediten, Streit und schlaflosen Nächten. Und genau dieser Mensch hatte ein halbes Jahr lang eine andere Frau dorthin gebracht, wo meine Hausschuhe standen.
Ich setzte mich hin und verbarg das Gesicht in den Händen.
— Anna …
— Nenn mich nicht so.
— Ich wollte nicht, dass du es so erfährst.
— Wie denn sonst? Per Karte? Per Nachricht? Oder hast du gewartet, bis sie mir irgendwann selbst die Tür aufmacht?
Er presste die Kiefer zusammen.
— Es ist alles zu weit gegangen.
— Und wie hat es angefangen? Zufällig? Ist sie dir auf dem Weg vom Lager einfach in die Arme gefallen?
— Lass das.
— Du sagst mir nicht, was ich lassen soll. Hast du nach ihr mit mir im selben Bett gelegen?
Er wandte den Blick ab.
Das genügte.
Mir stieg Übelkeit in den Hals.
— Verschwinde.
— Lass uns erst runterkommen und reden.
— Zu spät. Vor einem halben Jahr hättest du reden müssen. Verschwinde!
Auch er stand auf.
— Ich habe jetzt nirgendwohin.
Ich starrte ihn an und fand für einen Moment keine Worte.
— Zu niemandem? — fragte ich. — Seltsam. Ich dachte, gerade du hättest jemanden.
Er verzog das Gesicht.
— Verdreh das nicht.
— Ich verdrehe? Du hast hinter meinem Rücken ein zweites Leben geführt, und jetzt bittest du mich, nichts zu verdrehen?
Er atmete schwer aus und sagte mit dumpfer Müdigkeit:
— Ich wollte das alles nicht so …
Genau in diesem Moment verstand ich, warum Frauen manchmal Teller nach ihren Männern werfen. Nicht, weil sie hysterisch sind. Sondern weil irgendwann ein Mensch vor ihnen steht, der alles zerstört hat und über sich selbst redet, als sei er nur versehentlich falsch abgebogen.
— Doch, — sagte ich. — Du wolltest es sehr wohl. In Gefühle verstrickt man sich. Aber du hast es dir bequem eingerichtet: Ehefrau abends, Geliebte tagsüber. Die eine wäscht deine Socken, die andere hinterlässt korallfarbenen Lippenstift auf Servietten. Sehr praktisch.
Er sank wieder auf den Stuhl, als hätte ich ihn geschlagen.
— Du sagst furchtbare Dinge.
— Furchtbare Dinge hast du getan.
Ich ging ins Schlafzimmer und schloss die Tür. Ich zitterte. Ich wollte den Spiegel zerschlagen, irgendetwas kaputtmachen, all seine Hemden zerreißen. Stattdessen öffnete ich den Schrank, eigentlich nur, um eine Tasche zu holen, und sah oben im Eck eine Tüte aus einem Wäschegeschäft.
Neu. Sauber. Nicht von mir.
Ich zog sie heraus. Darin lag ein spitzenbesetztes Set in hellem Beige. Ganz sicher nicht meine Größe. Schön, teuer. Nicht die Art von Geschenk, die man einer Ehefrau kauft, mit der „schon lange alles schlecht“ ist.
Meine Hände wurden eiskalt.
Als ich in die Küche zurückkam, saß Markus am Tisch mit einem Gesicht, als hätte ich ihn bei etwas Peinlichem erwischt.
Ich warf die Tüte wortlos vor ihn hin.
Er wurde bleich.
— Was ist das?
Er antwortete nicht.
— Ist das für sie? — fragte ich. — Hat sie sich hier umgezogen? In unserem Schlafzimmer?
— Anna …
— Antworte!
— Ich habe es vor einer Weile gekauft. Ich habe es ihr noch nicht gegeben.
— Und du versteckst es in unserem Schrank? Da, wo meine Sachen liegen? Da, wo wir schlafen?
In meinem Kopf machte etwas klick. Ich griff nach der grauen Tasse auf dem Tisch und schleuderte sie gegen die Wand. Sie zerbarst in Stücke. Der Kater jaulte im Wohnzimmer auf. Markus sprang hoch.
— Bist du wahnsinnig geworden?
— Ja, — sagte ich. — Anscheinend endlich.
Er machte einen Schritt auf mich zu, als wolle er mir die Tüte abnehmen, aber ich wich zurück.
— Komm mir nicht zu nahe.
— Beruhig dich.
— Beruhige sie. Ihr gefällt dieser ruhige Ton vielleicht. Sie hat sich hier ja offenbar schon an vieles gewöhnt.
Er setzte sich wieder und starrte auf den Boden.
Ich nahm mein Handy und rief Sabine an, meine Freundin.
— Sabine, kann ich zu dir kommen? — fragte ich so ruhig, dass ich selbst erschrak.
Sie verstand sofort, dass etwas passiert war.
— Natürlich. Wo bist du?
— Noch zu Hause.
Ich legte auf und drehte mich zu Markus.
— Du hast eine Stunde. Entweder du gehst selbst, oder ich rufe deinen Bruder an, und er holt dich mit deinen Sachen ab. Mir ist es egal.
— Das ist auch mein Zuhause.
— War es.
— So lösen wir gar nichts.
— Was gibt es zu lösen? Sie war hier. Du hast mit ihr geschlafen. Du hast gelogen. Es ist längst entschieden.
Da sah er mich plötzlich beinahe gereizt an.
— Du hattest doch auch schon lange etwas an mir auszusetzen.
— Etwas auszusetzen? — Ich konnte es kaum glauben. — Versuchst du gerade, daraus eine Beziehungskrise zu machen? Als wären wir beide irgendwie gemeinsam dort gelandet?
Er schwieg.
— Nein, Markus. Nicht „wir“. Du allein hast eine fremde Frau in mein Zuhause gebracht.