Ein einziger fremder Geruch führte mich zu dem Versteck unter unserem Bett – und ließ mein vermeintlich glückliches Eheleben innerhalb weniger Stunden zu Staub zerfallen
Und er war viel zu deutlich, als dass Matthias ihn nicht hätte wahrnehmen können.
Je intensiver ich versuchte, die Ursache zu finden, desto beunruhigender wurde sein Verhalten. Sobald ich seine Bettseite berührte, die Matratze anhob, das Laken wechselte oder Gegenstände in der Nähe verschob, spannte sich sein ganzer Körper an. Er wurde nervös, ungeduldig und manchmal regelrecht unberechenbar.
Eines Nachmittags zog ich die Matratze ein Stück vom Kopfteil weg, weil ich dahinter sauber machen wollte. Matthias kam herein, sah, was ich tat, und verlor plötzlich die Beherrschung.
„Fass meine Sachen nicht an!“, schrie er. „Lass endlich alles so, wie es ist!“
Ich erstarrte.
Matthias erhob nur selten die Stimme. Er konnte schweigsam, stur oder abweisend sein. Doch einen solchen Wutausbruch hatte ich bei ihm kaum je erlebt.
In diesem Moment spürte ich zum ersten Mal echte Angst.
In derselben Nacht war der Geruch stärker als je zuvor. Es wirkte, als dringe er direkt unter dem Bett hervor, krieche durch das Zimmer und lege sich auf meine Haut. Er füllte meine Nase, brannte in meinem Hals und nahm mir beinahe die Luft.
Ich lag reglos im Dunkeln, starrte an die Zimmerdecke und hörte mein Herz immer schneller schlagen.
Am nächsten Morgen reiste Matthias für drei Tage zu einem Geschäftstermin nach Frankfurt. Er küsste mich flüchtig auf die Stirn, erinnerte mich daran, die Haustür abzuschließen, und ging dann hinaus, als wäre es ein Morgen wie jeder andere.
Ich wartete, bis seine Schritte verklungen waren.
Dann lauschte ich dem Motor seines Wagens, der sich langsam entfernte.
Als auch dieses Geräusch verschwunden war, lag das Haus in vollkommener Stille.
Ich blickte in Richtung Schlafzimmer.
Etwas in mir hatte sich entschieden.
An diesem Tag würde ich nicht mehr zurückweichen.
Wenig später lag die Matratze mitten auf dem Boden. Ich hatte sie vom Bettgestell gezogen, gedreht und so hingelegt, dass seine Seite nach oben zeigte. Lange stand ich davor, das Messer in der Hand.
Meine Handflächen waren feucht. Meine Finger zitterten. Mein Atem ging stoßweise.
Ich wusste nicht, was ich erwartete.
Vielleicht Schimmel. Ein totes Tier. Verdorbene Lebensmittel. Irgendetwas Abstoßendes, aber Erklärbares.
Tief in mir ahnte ich jedoch, dass es um weit mehr ging.
Ich holte langsam Luft und setzte die Klinge an.
Der erste Schnitt fiel schwerer, als ich gedacht hatte. Der feste Bezugsstoff gab nur widerwillig nach. Doch noch stärker als das Material wehrte sich etwas in mir dagegen.
Es fühlte sich an, als schnitte ich nicht bloß eine Matratze auf.
Es war, als würde ich mein eigenes Leben öffnen und alles freilegen, was darin jahrelang verborgen worden war.
Kaum klaffte der Stoff auseinander, schlug mir eine solche Welle von Gestank entgegen, dass ich instinktiv Mund und Nase mit der Hand bedeckte.
Die Luft wurde schwer und beinahe greifbar. Mein Magen zog sich zusammen. Meine Augen begannen zu tränen, und ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken.
Ich taumelte einen Schritt zurück.
Doch nach wenigen Sekunden beugte ich mich wieder vor.
„Was hast du hier versteckt?“, flüsterte ich.
Ich wusste nicht einmal, ob ich mit Matthias sprach, mit mir selbst oder mit dem unheilvollen Geheimnis vor meinen Füßen.
Ich vergrößerte den Schnitt.
Unter dem Bezug kam Schaumstoff zum Vorschein. An mehreren Stellen war er dunkel verfärbt und feucht. Als ich ihn zur Seite zog, entdeckte ich einen großen Plastikbeutel.
Er war fest verschnürt, klebrig und mit grünlich schwarzen Schimmelflecken überzogen.
Für einen Augenblick setzte mein Herzschlag aus.
Ich hatte mit vielem gerechnet. Mit einem verdorbenen Lebensmittelvorrat. Mit einem Tierkadaver. Mit irgendeiner krankhaften Angewohnheit meines Mannes.
Doch dieser sorgfältig verpackte Gegenstand erschreckte mich mehr als jede dieser Möglichkeiten.
Ich ging in die Hocke und hielt den Atem an, so lange ich konnte. Vorsichtig zog ich den Beutel aus der aufgeschnittenen Matratze. Meine Finger bebten so heftig, dass mir die glatte Folie immer wieder entglitt.
Aus der Verpackung strömte ein süßlicher, feuchter Verwesungsgeruch. Mein Körper schrie danach, aufzustehen, aus dem Zimmer zu laufen und nie wieder zurückzukehren.
Aber dafür war es zu spät.
Ich hatte das Versteck gefunden.
Nun musste ich erfahren, was darin lag.
Mit der Messerspitze öffnete ich die erste Lage Plastik.
Darunter befand sich eine weitere, wesentlich dickere Hülle. Wer das Paket verborgen hatte, war mit großer Sorgfalt vorgegangen. Entweder sollte der Inhalt vor Feuchtigkeit geschützt werden – oder der Geruch durfte unter keinen Umständen nach außen dringen.
Als ich auch die zweite Schicht aufschnitt, entdeckte ich alte Stoffstücke.
Vergilbte Bettüberwürfe, Fetzen einer Decke und ausgewaschene Tücher, die stellenweise von einer unbekannten Flüssigkeit durchtränkt waren. Alles war mit einer fast erschreckenden Genauigkeit gewickelt worden.
Es sah nicht aus, als hätte jemand Müll verstecken wollen.
Es wirkte, als hätte man ein Geheimnis konserviert, das niemals ans Licht kommen durfte.