Ich fuhr zu der fünfundsechzigjährigen Mutter meines Partners, weil es angeblich Zeit für den nächsten großen Schritt war — doch noch am selben Abend packte ich meine Sachen, nachdem ich auf ihrer Fensterbank ein verstörendes Detail entdeckt hatte

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Ich fuhr zu der fünfundsechzigjährigen Mutter meines Partners, weil es angeblich Zeit für den nächsten großen Schritt war — doch noch am selben Abend packte ich meine Sachen, nachdem ich auf ihrer Fensterbank ein verstörendes Detail entdeckt hatte

Der Abend, an dem ich die Mutter von Markus kennenlernen sollte, war für ihn angeblich ein Meilenstein. So nannte er es jedenfalls, mit dieser feierlichen Betonung, als müsste ich dankbar sein, endlich eingeladen zu werden.

„Du solltest Mama jetzt wirklich mal kennenlernen. Sie freut sich schon sehr auf dich.“

Ich selbst sah diesem Treffen mit einem merkwürdigen Gemisch entgegen: ein wenig Neugier, ein wenig Hoffnung und darunter eine leise, zähe Unruhe, die sich nicht vernünftig erklären ließ. Als Psychologin wusste ich längst, dass ein Besuch bei den Eltern selten nur ein harmloser Familienmoment ist. Man sieht dabei oft, woher ein Mensch kommt. Nicht das hübsch polierte Bild, das er im Alltag zeigt, sondern den Ursprung, die alten Muster, das Fundament.

Markus war vierzig und wirkte auf den ersten Blick wie ein Geschenk des Lebens: aufmerksam, zuverlässig, liebevoll, erfolgreich im Beruf und mit einem trockenen Humor, der mich oft mitten in angespannten Tagen zum Lachen brachte. Es gab nur eine Stelle in seinem Leben, die immer im Nebel blieb: seine Mutter, Gerda Hoffmann. Jeden Samstag fuhr er zu ihr.

„Mama ist eben noch von der alten Sorte. Sie ist… sagen wir mal, sehr klassisch“, erklärte er ausweichend, wenn ich fragte, weshalb er mich ihr nach all den Monaten noch immer nicht vorgestellt hatte.

Es war kein einfacher Besuch, es war eine Prüfung

Dann kam dieser Freitag doch. Ich kaufte eine teure Mandelmehltorte, weil Markus einmal erwähnt hatte, dass seine Mutter Gluten meide, und dazu einen Strauß Pfingstrosen, obwohl die Saison fast vorbei war und der Blumenhändler mich ansah, als hätte ich eine kleine Unmöglichkeit verlangt.

Ich war nervöser, als ich mir eingestehen wollte. Dreimal zog ich mich um, bis ich schließlich etwas wählte, das nach freundlicher Zurückhaltung aussah: eine helle Stoffhose, eine seidige Bluse, kaum Schmuck. Nichts, woran sich jemand stoßen konnte. So dachte ich zumindest.

Die Wohnung von Gerda Hoffmann empfing uns mit makelloser Ordnung und dem Duft von Apfelkuchen. „Sauberkeit mit Druck“, dachte ich sofort. Es war nicht die Art von Ordnung, in der ein Mensch gemütlich lebt. Eher die Art, in der alles bewacht wird, damit bloß kein Gegenstand seinen Platz verlässt.

Gerda Hoffmann, fünfundsechzig Jahre alt, war eine schlanke, aufrechte Frau mit wachen Augen, die nicht einfach nur sahen, sondern prüften. Ihr graues Haar lag perfekt, jede Strähne an ihrem Platz. Sie lächelte, als sie mir die Tür öffnete, doch in ihrem Blick blieb es kühl.

— Na, hallo, Laura. Ich habe schon viel von dir gehört. Markus hat ja einiges erzählt.

Das stimmte nicht. Markus hatte ihr fast nichts von mir erzählt. Das hatte er mir selbst gestanden, mit einem verlegenen Achselzucken und dem Satz:

„Warum soll ich sie vorher unnötig aufregen?“

Neben seiner Mutter schrumpfte Markus innerhalb weniger Sekunden. Aus dem selbstsicheren Mann von vierzig Jahren wurde plötzlich wieder „Marki“. Er nahm mir hastig die Torte aus der Hand, suchte Pantoffeln für mich, rückte etwas zur Seite, obwohl nichts im Weg stand, während Gerda Hoffmann mich ins Wohnzimmer führte.

— Komm nur rein, Kindchen, keine Scheu. Fühl dich wie zu Hause, gleich trinken wir Tee.

Der Abend verlief… normal. Sogar zu normal. Gerda Hoffmann fragte nach meiner Arbeit: „Psychologin? Sind das die mit den Tricks oder die echten Fachleute?“, dann nach meiner Familie, nach meinen Plänen, nach allem, was man theoretisch höflich erfragen konnte. Sie blieb korrekt. Unangreifbar korrekt. Aber hinter jeder höflichen Frage lag die Kälte eines Verhörs.

Ich fühlte mich nicht wie ein Gast, sondern wie eine Bewerberin für eine Stelle, für die man mich längst für ungeeignet hielt. Markus saß neben mir, lächelte entschuldigend und schenkte Tee nach. Mehr tat er kaum. Jedes Wort, das ich sagte, schien aufgenommen, gewogen und in irgendeiner unsichtbaren Akte abgelegt zu werden.

— Laura, sieh dir doch meine Usambaraveilchen an! — Gerda Hoffmann nickte zu der breiten, hellen Fensterbank. — Ich liebe sie. Auch wenn sie natürlich viel Arbeit machen.

Ich stand auf, trat zum Fenster — und genau dort sah ich es.

Zwischen all den Töpfen mit blühenden Veilchen stand ein Gegenstand, der überhaupt nicht in diese blitzblanke, kontrollierte, beinahe sterile Welt passte.

Es war eine kleine, offensichtlich kostbare Porzellanfigur. Ein Mädchen mit zwei Zöpfen, in einem blauen Kleid, hielt einen kleinen Hund an der Leine. Nur war die Figur beschädigt.

Der Kopf des Hundes war sauber abgebrochen und lag zu Füßen des Mädchens. Aber das allein war nicht das Verstörende. Viel schlimmer war, dass man deutlich sah: Er war schon einmal angeklebt worden. Und danach wieder abgebrochen.

Auf dem Porzellan klebten Spuren von altem, gelb gewordenem Leim, daneben eine frischere Schicht, darüber ein neuer Riss. Jemand hatte diese arme kleine Figur immer wieder zerstört und wieder zusammengesetzt.

Es war unangenehm. Schmerzhaft anzusehen. Der einzige Makel in einer Wohnung, in der sonst alles so angeordnet war, als dürfe das Leben selbst hier keinen Abdruck hinterlassen.