Ich wollte nur Holz in die Gartensauna legen, doch hinter der dünnen Holzwand hörte ich das Kichern meiner Schwiegertochter — und auf der Bank lagen zwei leuchtende Handys
Als Erste meldete sich Tante Karin: „Was soll das denn sein? Ein schlechter Filter? Thomas, warum bist du so rot wie ein Hummer?“
Fast unmittelbar danach wurde Lenas Mutter wach, die nur zwei Straßen weiter wohnte: „Lena, ist das ein Scherz? Feiert ihr irgendwas? Und wo ist Daniel?“
Daniel schwieg noch. Er war auf Dienstreise und in einer anderen Zeitzone, aber ich wusste, dass seine Benachrichtigungen immer eingeschaltet waren. In der Sauna hingegen kam Bewegung auf.
Erst verstummte das Wasser. Dann gab es einen dumpfen Schlag, als wäre jemand auf dem nassen Boden ausgerutscht.
— Wo ist mein Handy?! — brüllte Thomas. Durch die Holztür verstand man jedes Wort.
— Da auf der Bank! — fauchte Lena mit schriller Stimme. — Was springst du denn so herum, du Bär?
— Hier kommen ohne Ende Nachrichten rein! Wer schreibt denn um diese Zeit?
Für einen winzigen Moment wurde es still. Dann drang aus der Sauna ein Geräusch, als wäre gleichzeitig ein Eimer umgefallen und jemand hätte keine Luft mehr bekommen.
— Verdammt… — Thomas’ Stimme brach fast zu einem Flüstern.
— Was? Was ist denn? — Lena rutschte in eine kreischende Tonlage. — Oh Gott… Mama schreibt… Daniel… Hast du das abgeschickt?!
— Ich?! Nein! Du hast das abgeschickt! Meine Hände waren nass, du hattest das Handy zuletzt!
Im Chat „Unsere Lieblingsfamilie“ loderte längst ein ausgewachsener Brand.
Lenas Vater schrieb in Großbuchstaben: „THOMAS, ICH BRECHE DIR DIE BEINE. WAS MACHST DU DA, DU ALTER BOCK? ICH KOMME!“
Meine Schwester aus Bremen, eine Frau mit schlichtem Gemüt und absolut keiner Geduld für Ausreden, schickte eine Sprachnachricht von fünf Minuten. Ich hörte sie gar nicht erst ab. Ich war mir sicher, dass darin Thomas’ gesamte Lebensgeschichte zerlegt wurde, wahrscheinlich beginnend beim Kindergarten.
Schließlich erschien Daniel online.
„Mama, bist du zu Hause?“, schrieb er mir direkt.
„Zu Hause. Ich sitze auf der Terrasse und atme frische Luft“, antwortete ich.
„Ich nehme den ersten Flug zurück. Mach ihnen nicht auf.“
„Hatte ich nicht vor.“
Da begannen sie von innen gegen die Saunatür zu hämmern. Zuerst mit den Fäusten, dann offenbar schon mit der Schulter.
— Sabine! Bine, mach auf! Das ist ein Irrtum! Wir wurden gehackt! — schrie Thomas mit einer erbärmlichen, zitternden Stimme. — Das ist künstliche Intelligenz! Heutzutage geht so was, Sabine, du verstehst das nicht!
— Frau Berger! — jaulte Lena. — Sie haben das völlig falsch verstanden! Wir haben nur Quatsch gemacht! Ich habe einen Badeanzug an, man sieht ihn auf dem Foto nur nicht!
Ich saß da, blickte in den Abendhimmel und spürte auf einmal, wie eine riesige Steinplatte von meinen Schultern rutschte.
All seine ständigen „Erledigungen“ am Wochenende. Ihre koketten Grimassen und diese seltsamen Blicke über den Esstisch hinweg. Seine ewigen Bemerkungen, der Eintopf sei zu fad, und ich würde mich „altbacken“ anziehen.
Am Ende war alles lächerlich einfach. Der Schlüssel zu dieser Wahrheit hatte nicht irgendwo tief versteckt gelegen, sondern offen auf der Bank im Saunavorraum. Thomas’ Handy klingelte nun ununterbrochen. Offenbar wollte Lenas Vater sich nicht auf Nachrichten beschränken.
Ich ging ins Haus und holte aus dem Schrank den großen schwarzen Koffer, mit dem wir vor fünf Jahren nach Mallorca geflogen waren.
Dann öffnete ich Thomas’ Kleiderschrank. Alles flog hinein: seine Lieblingshemden, die ich früher stundenlang gebügelt hatte, seine Anzüge, Socken, Unterwäsche, die Angelrollen und die Regenjacke für seine Wochenendausflüge.
Ordentlich falten wollte ich nichts. Ich stopfte alles mit dem Fuß fest. Obenauf warf ich seine Zahnbürste und die alten, ausgetretenen Hausschuhe.
Danach nahm ich einen großen blauen Müllsack aus der Garage. Dort hinein fegte ich Lenas Kosmetik, die seit Monaten mein halbes Bad belagerte, ihren Föhn und den Bademantel, den sie bei uns „nur für spontane Saunatage“ liegen gelassen hatte.
Dieses ganze Eigentum stellte ich auf die Terrasse. Aus dem Klopfen an der Saunatür war inzwischen ein hysterisches Donnern geworden.
— Sabine! Mein Herz! Mir geht es schlecht! — begann Thomas mit seiner Lieblingsnummer.
Früher wäre ich längst gestolpert und gerannt, mit Blutdruckmessgerät, Tropfen und zitternden Händen. Jetzt goss ich mir in aller Ruhe ein Glas kaltes Wasser aus dem Brunnen ein.
Ich ging zur Saunatür, nahm den Haken aber nicht ab. Ich blieb einfach davor stehen.
— Thomas, — sagte ich laut und klar.
Hinter der Tür wurde es sofort still.
— Bine, mein Schatz, mach bitte auf. Lass uns ruhig reden, — keuchte er durch den Spalt.
— Reden wirst du mit Daniel. Und mit Lenas Vater. Der ist übrigens gleich da. Ich höre schon den Motor.
— Sabine, sei nicht verrückt! Hier drin ist es heiß! Wir werden gekocht!
— Ich hatte den Ofen nicht stark angeheizt, und Holz habe ich ja nicht mehr nachgelegt, — antwortete ich. — Es kühlt ab. Setzt euch hin und denkt über euer Benehmen nach. Manchmal soll das helfen.