Ein dunkles Baby, ein zerbrochenes Eheglück und zwei Morde: Was 1971 hinter dem unglaublichen Kindertausch in einer sowjetischen Stadt steckte, kam erst nach einer grausamen Kette von Verbrechen ans Licht
Diese außergewöhnliche Geschichte wurde mir von einer Leserin erzählt, der ich dafür ausdrücklich danken möchte.
Im Jahr 1971 kam in einer sowjetischen Stadt ein Kind zur Welt, dessen Aussehen die junge Familie Weber völlig aus der Bahn warf. Anna Weber hatte einen dunkelhäutigen Säugling geboren. Ihr Ehemann Thomas war nach dem ersten Blick auf das Baby wie erstarrt. Dann verwandelte sich sein Schock in Wut.
Für ihn schien nur eine Erklärung möglich: Anna musste ihn betrogen haben. Er stellte sie zur Rede, beschuldigte sie der Untreue und verlor dabei völlig die Kontrolle. Anna selbst war ebenso fassungslos wie ihr Mann. Sie wusste mit absoluter Sicherheit, dass sie niemals eine Beziehung zu einem Afrikaner gehabt hatte. Trotzdem lag nun dieses Kind in ihren Armen. Wie konnte so etwas geschehen?
Auch die Ärzte und Hebammen im Krankenhaus wussten keine Antwort. Sie zuckten mit den Schultern und vermuteten, vielleicht stamme das ungewöhnliche Aussehen von einem entfernten Vorfahren aus der Familie eines der beiden Elternteile.
Doch während das medizinische Personal noch nach einer Erklärung suchte, zerbrach die Ehe der Webers. Thomas packte seine Sachen und zog zu seinen Eltern. Anna blieb allein mit dem Neugeborenen zurück.
In den folgenden Wochen schob sie den Kinderwagen häufig durch die Straßen. Dabei hielt sie sich bewusst von anderen jungen Müttern fern. Sie wollte keine neugierigen Fragen hören und vermied jedes Gespräch, wann immer es möglich war.
Etwa einen Monat nach der Geburt entdeckten Passanten Anna am Fuß einer hohen Steintreppe. Der Kinderwagen mit dem Säugling stand noch oben. Alles sah zunächst danach aus, als wäre die junge Frau ausgerutscht und die Treppe hinuntergestürzt.
Anna lebte noch, als man sie fand. Sofort wurde sie in die Intensivstation gebracht. Das Kind war unverletzt geblieben.
Während die Ärzte um das Leben der jungen Mutter kämpften, meldete sich ein Mann bei der Miliz. Er behauptete, den Vorfall beobachtet zu haben.
Seine Aussage veränderte den gesamten Fall.
Anna Weber sei nicht zufällig gefallen, erklärte der Zeuge. Ein Mann auf einem Motorrad habe sie absichtlich die Treppe hinuntergestoßen. Danach sei er davongefahren und innerhalb weniger Sekunden verschwunden.
Nun mussten die Ermittler nicht mehr von einem Unglück, sondern von einem Mordversuch ausgehen.
Der erste Verdächtige war selbstverständlich Annas Ehemann Thomas. Er besaß ein Motorrad. Außerdem hatten mehrere Menschen bei der Entlassung aus dem Krankenhaus gehört, wie er seine Frau bedroht hatte, nachdem er das dunkelhäutige Baby zum ersten Mal gesehen hatte.
Sein Motiv schien offensichtlich. Die Miliz wollte ihn so schnell wie möglich finden, festnehmen und verhören.
Doch noch bevor die Ermittler zu Thomas Weber aufbrechen konnten, ging ein neuer Notruf ein. Ein unbekannter Motorradfahrer hatte einen jungen dunkelhäutigen Mann hinter einige Garagen gedrängt. Offenbar wollte er den Fremden nicht bloß einschüchtern.
Die Beamten trafen rechtzeitig ein und verhinderten eine schwere Auseinandersetzung. Der Angreifer war tatsächlich Thomas Weber. Er hielt eine Eisenstange in der Hand und stand damit vor dem verängstigten Afrikaner.
Die Polizisten überwältigten Thomas und brachten ihn auf die Dienststelle.
Im Verhör schilderte der verstörte Mann, was geschehen war. Ja, er hatte bei der Entlassung aus dem Krankenhaus die Beherrschung verloren. Als er das Kind gesehen hatte, sei er vor Wut beinahe außer sich gewesen.
Später habe er sich beruhigt und beschlossen, sich einfach von Anna scheiden zu lassen. Für ihn stand weiterhin fest, dass sie ihn betrogen hatte.
Dann erzählten ihm Nachbarn, in Annas Nähe tauche angeblich ein dunkelhäutiger Mann auf. Der Fremde soll Interesse an ihr gezeigt haben. Für Thomas war das der letzte Beweis, den er noch gebraucht hatte.
Er fand heraus, dass der Mann Marcel Dubois hieß. Marcel war französischer Staatsbürger, ausgebildeter Chemietechniker und arbeitete vorübergehend auf einem Vertrag in einem staatlichen Betrieb für synthetische Duftstoffe.
Thomas begann, ihn zu beobachten. Schließlich wollte er Marcel zur Rede stellen. Viel weiter kam er jedoch nicht, weil die Miliz rechtzeitig eintraf.
Marcel selbst erklärte später, er habe von der sonderbaren Geschichte der Familie Weber erstmals an seinem Arbeitsplatz gehört. Die Angestellten hätten über das dunkelhäutige Baby gesprochen, das in einer gewöhnlichen sowjetischen Familie geboren worden sei.
Als Marcel erfuhr, dass Thomas seine Frau verlassen hatte, tat ihm Anna leid. Er wollte ihr lediglich seine Hilfe anbieten.
Er hatte Anna nur ein einziges Mal aufgesucht. Sie empfing ihn kühl und machte sofort deutlich, dass sie keinerlei Unterstützung brauche. Marcel verstand die Botschaft und kam nie wieder.
Damit blieb den Ermittlern kaum eine brauchbare Spur. Sie hofften nun allein darauf, dass Anna Weber aus dem Koma erwachen und den Angreifer beschreiben konnte.
Einige Zeit später öffnete Anna tatsächlich die Augen. Viel weiter half sie der Untersuchung jedoch zunächst nicht.