„Ich habe mir absichtlich eine 47-jährige Frau gesucht, weil ich glaubte, mir keine Gedanken über Verhütung machen zu müssen – und jetzt ist sie schwanger! Soll ich dafür wirklich mein ganzes Leben zerstören?“
Dann sagte sie mit erstaunlicher Ruhe:
„In meinem Alter ist es weniger wahrscheinlich, Markus. Aber unmöglich ist es deshalb noch lange nicht.“
Ich saß da, das Telefon ans Ohr gedrückt, und brachte kein Wort heraus.
„Dann gratuliere ich dir“, fügte sie hinzu. „Offenbar hat sich die Wahrscheinlichkeit diesmal gegen dich entschieden.“
Gratuliere.
Was für ein Hohn.
Ich hätte im Boden versinken können.
Wie sollte ich meiner Frau erklären, dass meine 47-jährige Geliebte ein Kind von mir erwartete?
Diese Frage kreiste ununterbrochen in meinem Kopf.
Wie sollte ich ein solches Gespräch überhaupt beginnen?
Abends nach Hause kommen, warten, bis die Kinder schlafen, Wasser für einen Tee aufsetzen und sagen:
„Schatz, erinnerst du dich daran, dass du immer gesagt hast, wir müssten verhüten? Nun, anscheinend hattest du recht.“
Das war ja nicht einmal die Geschichte von einer zufälligen Affäre mit einer zwanzigjährigen Frau.
Meine Geliebte war dreizehn Jahre älter als ich.
Wenn meine Frau ihr Alter erfuhr, würde sie mir zunächst wahrscheinlich überhaupt nicht glauben.
Und sobald sie es doch tat …
Nein, ich wollte mir ihre Reaktion lieber nicht ausmalen.
Mehrere Tage bewegte ich mich wie benommen durch mein Leben und versuchte herauszufinden, wovor ich eigentlich am meisten Angst hatte.
Vor der Tatsache, dass tatsächlich noch ein Kind geboren werden könnte?
Vor einer Scheidung?
Vor einem Skandal?
Oder vor dem Gesicht meiner Frau in dem Moment, in dem sie verstand, warum ich ausgerechnet eine so viel ältere Geliebte gewählt hatte?
Ich konnte ihre Stimme bereits hören:
„Und verhüten war keine Möglichkeit?“
Was hätte ich darauf antworten sollen?
Dass ich Kondome nicht mochte?
Dass ich andere Empfindungen wollte?
Dass ich geglaubt hatte, die Biologie austricksen zu können?
Es klang so absurd, dass ich mich schämte, diese Gedanken überhaupt auszusprechen.
Und das Schlimmste daran war: Meine Frau würde recht behalten.
Jetzt wollte meine Geliebte wissen, was ich zu tun gedachte.
Das Merkwürdigste war, dass sie keine Szene machte.
Sie rief meine Frau nicht an.
Sie erpresste mich nicht.
Sie verlangte nicht, dass ich sofort meine Familie verließ.
Eines Tages sah sie mich einfach an und fragte:
„Markus, was wirst du jetzt tun?“
Ich hatte nicht die geringste Ahnung.
Was sollte ich tun?
Ich hatte eine Ehefrau.
Drei Kinder.
Eine Arbeit.
Einen Kredit für das Haus.
Verpflichtungen.
Ich hatte nie vorgehabt, ein neues Leben anzufangen.
Ich wollte nur ein wenig Freiheit.
Ein bisschen Vergnügen.
Ein kleines Gefühl dafür, dass ich noch immer ein Mann war – und nicht ausschließlich Vater, Ehemann und derjenige, der die Rechnungen bezahlte.
Statt einer kleinen geheimen Geschichte hatte ich nun eine Situation geschaffen, die das Leben mehrerer Menschen vollständig verändern konnte.
Und wissen Sie, welcher Gedanke mir zuerst kam?
Dass man mich hereingelegt hatte.
Ja, ich weiß, wie dumm das klingt.
Von außen betrachtet wirkt es vermutlich sogar lächerlich.
Aber in den ersten Tagen dachte ich tatsächlich so.
„Sie ist siebenundvierzig! Genau deshalb habe ich sie doch ausgesucht!“
Als wäre ihr Alter eine Art Verhütungsmittel.
Erst allmählich begriff ich, wie absurd diese Schlussfolgerung gewesen war.
Psychologische Einordnung
Markus’ Geschichte zeigt einen Fehler, der sehr verbreitet ist: Ein Mensch redet sich ein, die Folgen seiner Entscheidungen vollständig kontrollieren zu können.
Er hatte sich eine bequeme Ordnung geschaffen.
Seine Frau war für Familie, Haushalt und Kinder zuständig.
Die Geliebte sollte Vergnügen und ein Leben ohne Verpflichtungen bedeuten.
Und Markus selbst sah sich als jemanden, der über diesem ganzen System stand und es lenkte.
Genau deshalb erschütterte ihn die Schwangerschaft so sehr.
Sein Problem ist nicht nur – und vielleicht nicht einmal in erster Linie – das mögliche Kind.
Zusammengebrochen ist vor allem seine Vorstellung, alles unter Kontrolle zu haben.
Er hatte die ältere Frau nicht deshalb gewählt, weil er sich in sie verliebt hatte oder mit ihr eine ernsthafte Beziehung aufbauen wollte.
Ein entscheidender Grund war sein Irrglaube, dass das Alter automatisch vor einer Schwangerschaft schütze.
Im Grunde betrachtete er sie als bequeme Möglichkeit, seine eigenen Wünsche zu erfüllen.
Ohne Konsequenzen.
Ohne Verantwortung.
Ohne sein bisheriges Leben verändern zu müssen.
Doch das Alter allein ist keine Verhütungsmethode. Solange eine Frau noch einen Eisprung hat, ist eine Schwangerschaft möglich – auch wenn die Wahrscheinlichkeit mit zunehmendem Alter deutlich sinkt.
Genau diese Tatsache wollte Markus nicht berücksichtigen.
Seine größte Angst gilt nun nicht allein dem Kind.
Er fürchtet, sein gewohntes Leben zu verlieren.
Er fürchtet die Reaktion seiner Frau.
Er fürchtet die Verurteilung durch andere.
Und er fürchtet, sich als den Menschen erkennen zu müssen, für den er sich selbst nie gehalten hatte.
Vor allem aber kreisen seine Gedanken um die Folgen für ihn selbst.
Gesellschaftliche Einordnung