Mama, ich habe dir diese Reise doch selbst geschenkt – dann erklär mir bitte, warum mein Mann auf deinen Urlaubsfotos zu sehen ist!
Doch genau diese Pause, das Zögern vor der Antwort und die Unsicherheit in Claudias Stimme deutete Laura als Bestätigung ihrer schlimmsten Vermutung.
Drei Tage lang quälte sie sich. Sie schlief kaum, brachte fast nichts hinunter und ging wie betäubt zur Arbeit. Dort lächelte sie, beantwortete E-Mails und tat so, als wäre alles in Ordnung. Am vierten Tag hielt sie es nicht länger aus und buchte den nächsten verfügbaren Flug nach Mallorca.
„Nina, ich bin ein paar Tage weg. Kannst du bitte nach der Wohnung sehen?“, bat sie ihre Freundin.
„Wohin fliegst du denn so plötzlich?“
„Zu meiner Mutter. Ich will sie überraschen.“
Während des Fluges spielte Laura jede mögliche Begegnung im Kopf durch. Was würde sie sagen? Würde sie die beiden beim Abendessen erwischen? Vor dem Zimmer? Vielleicht sogar gemeinsam hinter einer verschlossenen Tür? Allein bei dieser Vorstellung wurde ihr körperlich schlecht.
Die Hotelanlage war riesig. Laura nahm bewusst ein Zimmer im Nachbargebäude, damit sie ihnen nicht zufällig begegnete, bevor sie selbst bereit war. Die Mitarbeiterin an der Rezeption lächelte freundlich und bot ihr Ausflüge an, doch Laura nickte nur geistesabwesend.
Den ersten Abend verbrachte sie am Pool und beobachtete unauffällig die Gäste. Von ihrer Mutter war nichts zu sehen. Am nächsten Morgen ging Laura früh zum Frühstück und setzte sich in eine abgelegene Ecke des Restaurants, von der aus sie den gesamten Raum überblicken konnte.
Dann sah sie ihn.
Markus betrat den Speisesaal. Er war gebräunt, ausgeruht und trug genau das weiße Hemd, das Laura vor seiner angeblichen Geschäftsreise noch für ihn gebügelt hatte. Sie duckte sich instinktiv tiefer in den Sessel und schob sich hinter eine Säule.
Doch die Frau an seiner Seite war nicht Claudia.
Eine junge Blondine, vielleicht fünfundzwanzig, schmiegte sich in einem kurzen Sommerkleid an ihn. Markus beugte sich zu ihr und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie lachte, warf den Kopf zurück und legte ihm vertraut die Hand auf den Arm. Gemeinsam gingen sie zu einem Tisch am Fenster. Er rückte ihr den Stuhl zurecht, küsste sie auf den Scheitel und lief anschließend zum Buffet.
Laura sah ihnen zu, unfähig, sich zu bewegen. In ihrem Kopf wurde es leer und zugleich dröhnend laut, als hätte irgendwo tief in ihr eine riesige Glocke einen Sprung bekommen. Die ganze Zeit hatte sie den falschen Menschen verdächtigt. Ihre Mutter hatte nichts damit zu tun. Markus war nicht mit Claudia verreist. Er betrog Laura mit einer anderen Frau.
Bis zum Abend blieb Laura in ihrem Zimmer. Sie brachte nicht einmal die Kraft auf, aufzustehen. Der Schock über Markus’ Verrat vermischte sich mit einer fast unerträglichen Schuld. Wie hatte sie ihrer Mutter so etwas zutrauen können? Der Frau, die ihr Leben lang alles für sie getan hatte?
Als sie sich endlich aufraffen konnte, fuhr sie mit dem Aufzug in den dritten Stock und klopfte an Zimmer 312.
„Laura?!“ Claudia stand wie erstarrt in der Tür. „Was machst du denn hier? Ist etwas passiert?“
„Mama, darf ich reinkommen?“
Im Zimmer roch es nach Meeresluft und Sonnencreme. Auf dem kleinen Tisch lagen eine Brille mit dickem Rahmen und daneben eine große Sonnenbrille.
„Du machst mir Angst“, sagte Claudia. „Ist etwas mit Markus?“
Laura setzte sich auf die Bettkante. Sie suchte nach Worten, doch jeder Satz schien unmöglich auszusprechen.
„Mama, hast du hier jemanden gesehen, den du kennst?“
„Jemanden, den ich kenne?“ Claudia blickte sie ehrlich verwundert an. „Nein. Du weißt doch, dass ich ohne Brille Gesichter schon aus drei Metern Entfernung nicht mehr unterscheiden kann. Und mit der Sonnenbrille erkenne ich nur Umrisse. Außerdem bin ich fast ständig bei Anwendungen oder auf Ausflügen. Gestern war ich im Spa, vorgestern bei den alten Ausgrabungen …“
„Mama, bitte verzeih mir.“ Lauras Stimme brach. „Ich habe etwas gedacht, das mir jetzt selbst entsetzlich vorkommt. Ich dachte, du und Markus …“
„Was?“ Claudia setzte sich neben sie. „Laura, wie kommst du denn auf so etwas?“
„Er ist hier. In diesem Hotel. Mit einer anderen Frau. Ich habe ihn auf deinen Fotos entdeckt und geglaubt, er wäre wegen dir hier.“
Claudia zog ihre Tochter wortlos in die Arme. Laura begann zu weinen. Zum ersten Mal weinte sie nicht wegen der Untreue ihres Mannes, sondern weil sie den Menschen, der ihr am nächsten stand, in Gedanken verraten hatte.
Laura kehrte einen Tag vor Markus nach Hause zurück. Als er die Wohnung betrat, begrüßte er sie im Flur mit einem angespannten Lächeln.
„Hallo, Schatz. Hatte deine Mutter eine schöne Reise?“
„Eine wunderbare“, antwortete Laura ruhig und ging an ihm vorbei.
Sie machte keine Szene. Stattdessen sammelte sie Beweise. Sie fotografierte die Hotelbelege, die sie in der Tasche seiner Jacke fand. Sie sicherte den Schriftwechsel mit dem Reiseveranstalter: Markus hatte ein Doppelzimmer gebucht. Außerdem machte sie Screenshots vom Profil der Blondine. Die junge Frau hatte Dutzende Urlaubsfotos veröffentlicht.

Eine Woche später reichte Laura die Scheidung ein.