Meine Tochter verschwand, als wir in Wien lebten – zwanzig Jahre später kam eine Postkarte von dort, und die Worte auf der Rückseite ließen mir die Knie nachgeben
Zwanzig Jahre lang war ich überzeugt gewesen, dass meine Tochter an jenem Nachmittag aus dem Garten unseres Hauses in Wien verschwunden war. Dann lag plötzlich eine Postkarte aus Österreich in meinem Briefkasten – auf der Rückseite stand jedoch eine Adresse, die keine fünf Kilometer von meinem Haus bei Regensburg entfernt war. Ich fuhr hin und rechnete mit einer weiteren grausamen Spur, mit einem neuen Irrtum, der mir wieder den Boden unter den Füßen wegziehen würde. Doch was mich dort erwartete, bewies, dass ausgerechnet der Mensch, dem ich am meisten vertraut hatte, all die Jahre die Wahrheit verborgen hatte.
Die Postkarte war in Wien abgestempelt worden. Die Adresse auf ihrer Rückseite führte dagegen in ein Gewerbegebiet nur wenige Autominuten von meinem Zuhause entfernt.
In zwanzig Jahren hatte ich gelernt, Hoffnung nicht zu laut werden zu lassen. Hoffnung konnte zubeißen. Einmal hatte sie mich beinahe von innen heraus zerfetzt.
Doch als ich die Karte umdrehte und den österreichischen Poststempel sah, zitterten meine Hände so heftig, dass die Briefe, die noch auf dem Küchentisch lagen, zu Boden rutschten.
Auf der Karte stand weder ein Absender noch eine längere Nachricht.
Nur eine Adresse. Darunter, in kleinen Druckbuchstaben, ein einziger Satz:
„Komm allein, wenn du noch immer die Wahrheit über Lena erfahren willst.“
Die Karte kam aus Wien.
Meine Tochter war in Wien verschwunden, als sie acht Jahre alt gewesen war.
Und nun, zwanzig Jahre später, fuhr ich zu einer Reihe gemieteter Lagergaragen. Die Postkarte lag auf dem Beifahrersitz, während mein Herz so heftig gegen meine Rippen schlug, als wolle es sich aus meiner Brust befreien.
Ich fand die Nummer, die auf der Karte angegeben war.
Zweiundvierzig.
Das Metalltor fühlte sich unter meinen Fingern eisig an. Ich zog es nach oben und bereitete mich auf das Schlimmste vor, das meine Fantasie in all den Jahren hervorgebracht hatte.
Stattdessen gaben meine Knie nach.
Im Halbdunkel wartete kein Albtraum. Neben drei Kartons saß eine Frau auf einem einfachen Klappstuhl.
Sie hatte meine Augen.
Sie sah mich an, als hätte sie ihr ganzes Leben lang nicht gewusst, ob sie mich hassen durfte.
„Du bist schnell gekommen, Katharina“, sagte sie.
Ich bekam keine Luft.
„Lena?“
Ihre Lippen bebten, doch sie wich meinem Blick nicht aus.
„Ich musste wissen, ob du wirklich kommst.“
Vor zwanzig Jahren hatte mein Mann Markus unsere kleine Familie nach Wien gebracht.
Damals stand er noch am Anfang seiner journalistischen Laufbahn. Als ihm eine Stelle bei einer großen Redaktion angeboten wurde, lief er durch unsere Wohnung, als hätte sich plötzlich die ganze Welt vor ihm geöffnet.
„Kathi, das ist unsere Chance“, sagte er und wedelte mit dem Schreiben. „So etwas bekommt man nicht zweimal.“
Ich sah über den Tisch hinweg zu Lena. Sie versuchte gerade, einen Löffel auf ihrer Nase zu balancieren.
„Was meinst du, Mäuschen?“, fragte ich.
Der Löffel fiel direkt in ihre Müslischale.
„Gibt es in Wien Pfannkuchen?“
Markus lachte.
„Pfannkuchen kann man überall machen.“
Also gingen wir.
Wir mieteten eine kleine Wohnung im zweiten Stock eines alten Hauses. Direkt unter unseren Fenstern lag ein Innenhof mit einem schmalen Garten. Lena liebte diesen Garten. Jeden Nachmittag lief sie mit ihrem Springseil hinunter.
Ich blieb auf dem Balkon stehen, bis sie irgendwann mit beiden Armen nach mir winkte.
„Mama, hör auf, mich die ganze Zeit anzuschauen!“
„Du bist acht“, rief ich zurück. „Es ist meine Aufgabe, auf dich aufzupassen.“
Markus arbeitete oft zu Hause am Küchentisch. Auch ich nahm eine Stelle an. Ein Gehalt reichte kaum, und ich wollte außerdem etwas Eigenes behalten.
Eine Weile glaubte ich tatsächlich, wir seien glücklich.
Dann kam jener Dienstag.
Lena saß mit gekreuzten Beinen auf dem Boden und band ihrem Plüschhasen ein rotes Band um den Hals.
„Vergiss heute Abend die Pfannkuchen nicht“, sagte sie.
„Vergesse ich nicht.“
„Versprochen?“
Ich küsste sie auf die Stirn.
„Versprochen.“
Markus stand hinter der Küchenzeile und suchte in seinen Notizen nach einer Stelle für einen Artikel.
„Ich passe auf sie auf“, sagte er.
Es waren die letzten gewöhnlichen Worte, die ich je von ihm hörte.
Als ich am Abend nach Hause kam, standen mehrere Polizeiwagen vor unserem Haus.
Zuerst dachte ich, bei einem der Nachbarn sei etwas passiert. Dann sah ich Markus nahe der Eingangstür. Sein Gesicht war kreidebleich, seine Hände zitterten so auffällig, dass jeder es sehen konnte.
Meine Tasche glitt von meiner Schulter.
„Wo ist Lena?“
Markus drehte sich langsam zu mir um.
„Sie ist zum Spielen nach unten gegangen“, sagte er. „Ich war nur ein paar Minuten abgelenkt.“
„Markus, wo ist meine Tochter?“
Wochenlang suchten wir nach ihr.
Die Polizei suchte. Die Nachbarn suchten. Fremde Menschen suchten. Frauen hielten mich fest, wenn ich zusammenbrach. Männer riefen den Namen meiner Tochter, bis ihre Stimmen heiser wurden.
Lena. Lena. Lena.
Doch es kam keine Antwort.
Es gab keine Zeugen, keinen Anruf, kein verlorenes rotes Band, keine Lena.