Nach vier Monaten kam Katharina unangekündigt nach Hause – doch was sie im stillen Schlafzimmer sah, ließ ihr vertrautes Familienleben innerhalb weniger Minuten zerbrechen
Martins Lider zuckten. Langsam öffnete er die Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Katharina den Mann, den sie geheiratet hatte – den Mann, der ihr zehn Jahre lang jeden Montag Blumen geschickt hatte. Dann wurde sein Blick klar und blieb an ihr hängen. Sie stand im Mantel in der Tür, reglos, als wäre sie nicht heimgekehrt, sondern gekommen, um ein Urteil zu sprechen.
Martin sprang nicht auf. Er riss auch nicht erschrocken eine Decke über sich. Er sah sie nur an, mit einer tiefen, müden Traurigkeit, die beinahe so wirkte, als hätte er genau auf diesen Augenblick gewartet. Dann legte er Tobias eine schützende Hand auf die Schulter. Die Bewegung war so selbstverständlich, dass Katharina das Gefühl hatte, ihre Knie würden nachgeben.
„Du bist früher zurück“, sagte Martin mit rauer, tiefer Stimme.
Katharina antwortete nicht. In ihrer Hand hielt sie noch immer die fremden Schuhe, abgetragen, mit niedrigem Absatz. Sie betrachtete sie, als könnten sie ihr erklären, was hier geschehen war. Dann ließ sie los. Die Schuhe fielen auf den Boden. Der dumpfe Aufprall klang wie eine Tür, die sich endgültig schloss.
Das Licht in dem kühlen, weiß gestrichenen Zimmer erinnerte nicht an den Beginn eines neuen Morgens. Es war eher ein Scheinwerfer, der eine Tragödie ausleuchtete, deren Text längst geschrieben worden war, bevor Katharina durch diese Tür trat.
Sie wandte sich ab. Nicht zum Bett, sondern zum Flur.
Das Fleisch und das Gemüse ließ sie zunächst auf dem Küchentisch liegen.
Manche Dinge, begriff sie, konnte man nicht einfach wieder erwärmen.
TEIL 3
Der Flur kam ihr nun länger vor als noch wenige Minuten zuvor. Ein kalter, weißer Gang, der sie zu verschlucken schien. Katharina drehte sich nicht um. Sie konnte es nicht. Das Bild von Martins Hand auf Tobias’ Schulter hatte sich in ihre Gedanken eingebrannt wie der Nachhall eines grellen Blitzes – verzerrt, blendend und unmöglich zu vergessen.
In der Küche standen die Einkaufstaschen noch dort, wo sie sie abgestellt hatte. So gewöhnlich, so erbärmlich normal. Unter dem Metzgerpapier wurde das Fleisch langsam feucht, das Gemüse begann in der abgestandenen Wärme der Wohnung bereits an Frische zu verlieren. Katharina starrte darauf, während sie im Kopf versuchte, eine logische Reihenfolge für das zu finden, was in der letzten Stunde geschehen war. Nichts wollte zusammenpassen.
Sie ging zur Arbeitsplatte und nahm die Schuhe wieder an sich. Jetzt betrachtete sie sie genauer. Die Spitzen waren abgewetzt. Wer auch immer sie getragen hatte, war viele Wege damit gegangen. Wenn sie nicht Katharina gehörten und wenn Martin und Tobias dort im Schlafzimmer gewesen waren – wem gehörte dann dieser weibliche Schatten im Flur?
„Katharina.“
Die Stimme kam aus Richtung Schlafzimmer.
Martin stand in der Tür. Er hatte einen Bademantel übergezogen, den Gürtel nur nachlässig gebunden. Sein Haar war zerzaust von Schlaf und von Dingen, über die sie offenbar monatelang nicht gesprochen hatten. Er sah nicht aus wie ein Schuldiger aus einer Geschichte. Eher wie ein Mensch, der vier Monate lang die Luft angehalten hatte und nun einfach nicht mehr konnte.
„Wem gehören sie?“, fragte Katharina.
Ihre Stimme war so ruhig, dass sie selbst davor erschrak. Sie hob die Schuhe ein Stück an.
Martin lehnte sich gegen den Türrahmen. Ein Teil seines Gesichts lag im Schatten.
„Sie gehörten deiner Schwester“, sagte er. „Bevor sie gestorben ist. Ich … ich habe sie im Abstellraum gefunden, während du weg warst. Ich habe sie nach vorn gestellt, weil mir das Geräusch von Schritten in dieser Wohnung gefehlt hat. Mir fehlte dieses Gefühl, dass hier noch eine Familie lebt, die irgendwie funktioniert.“
Katharina spürte, wie ihr die Luft aus den Lungen wich.
Eine weitere Schicht. Noch etwas, das sie nicht gewusst hatte.
Ihre Schwester war seit fünf Jahren tot.
„Und Tobias?“, fragte sie leise. „Warum lag er dort? Warum hat er dich so angesehen?“
Martin löste sich vom Türrahmen und machte einen Schritt auf sie zu. Katharina wich sofort zurück, bis die Kante der Küchenarbeitsplatte gegen ihren Rücken drückte.
„Tobias schläft fast gar nicht mehr“, sagte Martin. Jetzt zitterte seine Stimme. „Nachdem du weggefahren bist, haben die Albträume wieder angefangen. Die wegen des Unfalls. Er konnte nachts nicht allein in seinem Zimmer bleiben. Manchmal kam er um drei Uhr zu mir, völlig aufgelöst, zitternd, als hätte er Todesangst. Ich habe ihn bei mir bleiben lassen. Nur dann wurde er ruhig genug, um überhaupt einzuschlafen.“
Martin schwieg. Sein Blick suchte in Katharinas Gesicht nach etwas – nach Verständnis, nach Glauben, vielleicht nur nach einem Zeichen, dass sie ihn noch hörte.
„Wir haben keinen Verrat vor dir versteckt, Katharina“, sagte er schließlich. „Wir haben versteckt, wie kaputt wir ohne dich geworden sind. Wir wussten nicht, wie wir dir sagen sollten, dass dieses perfekte Zuhause, zu dem du zurückkommen wolltest, schon in dem Moment angefangen hat auseinanderzufallen, als sich die Tür hinter dir geschlossen hat.“