Nach einer Nacht bei seiner Geliebten kam er lächelnd nach Hause – doch seine schwangere Frau wartete bereits mit Beweisen und einem Abschied, der sein gesamtes Imperium zum Einsturz bringen sollte
Um halb sieben vibrierte ihr Telefon.
Auf dem Display erschien eine Nachricht von Johannes Falk.
Das Flugzeug wartet am Privatterminal des Hamburger Flughafens. Wir starten, sobald Sie bereit sind.
Katharina las den Satz zweimal.
Johannes Falk war an jenem Abend in ihr Leben getreten, an dem sie vor einem vornehmen Restaurant an der Binnenalster zusammengebrochen war. Durch die breite Fensterfront hatte sie Markus und Vanessa gesehen. Sie saßen eng nebeneinander, lachten über ihren Wein und benahmen sich, als gäbe es Katharina überhaupt nicht.
Als sie zurückwich, gaben ihre Beine nach.
Johannes verließ in genau diesem Moment das Restaurant.
Er fing sie auf, bevor sie auf dem vereisten Gehweg aufschlug, und fuhr sie ohne zu zögern selbst in die Klinik.
Er stellte keine neugierigen Fragen.
Er wollte keinen Klatsch hören.
Er versuchte nicht, sich als Retter oder Held darzustellen.
Er blieb einfach.
Er wartete neben ihr, bis die Ärztin endlich den Herzschlag des Kindes fand.
Kräftig.
Gleichmäßig.
Lebendig.
Erst später erzählte Johannes ihr etwas, womit sie nicht gerechnet hatte.
Er hatte ihren Vater gut gekannt.
„Ihr Vater half mir, als ich nichts mehr hatte“, hatte er damals gesagt. „Erlauben Sie mir, nun seiner Tochter zu helfen.“
Zunächst hatte Katharina sein Angebot abgelehnt. Sie brauchte keinen weiteren Mann, der sich Retter nannte. Das Leben hatte sie gelehrt, dass Hilfe oft unsichtbare Ketten mit sich brachte. Manche Käfige bestanden aus Glas und Marmor und waren gerade deshalb so schwer zu erkennen.
Doch Johannes versuchte nie, Entscheidungen für sie zu treffen.
Er erteilte ihr keine Befehle.
Er erwartete keine Dankbarkeit.
Er zeigte ihr Möglichkeiten.
Er vermittelte vertrauenswürdige Kontakte, organisierte diskrete Wege an Fotografen vorbei und stellte ein Flugzeug bereit, als sie Abstand brauchte. Als Katharina nach einem Ort suchte, an dem Markus sie nicht erreichen konnte, öffnete er ihr die Tür zu einem sicheren Haus.
„Gehen Sie erst, wenn Sie selbst dazu bereit sind“, hatte er ihr gesagt. „Nicht, weil Sie vor jemandem fliehen. Gehen Sie, weil Sie sich zum ersten Mal für sich selbst entschieden haben.“
Nun stand Katharina an der Schlafzimmertür und betrachtete ein letztes Mal das Leben, das Markus um sie herum errichtet hatte wie ein luxuriöses Gefängnis.
Die schweren Seidenvorhänge.
Die hellen Marmorböden.
Das Kinderzimmer, in dem noch immer kein Bettchen stand.
Auf der Kommode befand sich ihr Hochzeitsfoto. Markus hielt sie um die Taille und lächelte strahlend in die Kamera. Heute wirkte dieses Lächeln wie eine sorgfältig angefertigte Maske.
Katharina drehte den Bilderrahmen mit dem Gesicht nach unten.
Dann nahm sie ihren Koffer und verließ die Wohnung, ohne sich noch einmal umzusehen.
Teil 2
Markus bemerkte erst kurz vor Mittag, dass Katharina verschwunden war.
Bis dahin hatte er den Champagnerrausch ausgeschlafen, drei Anrufe von Vanessa bewusst ignoriert und sich eingeredet, Katharinas emotionaler Ausbruch werde sich schon wieder legen.
Frauen wie Katharina kehrten immer in ihre gewohnte Stille zurück, sagte er sich.
Zuerst weinten sie.
Dann drohten sie.
Am Ende gaben sie nach.
Als Markus in die Küche kam, erwartete er, sie dort zu finden. Er stellte sie sich mit einer heißen Tasse Tee zwischen den Händen vor: blass, schweigsam und bereit, sich für den Vorabend zu entschuldigen, während sie seinem Blick auswich.
Doch im Penthouse war es ungewöhnlich still.
Kein Wasserkocher rauschte.
Keine Schritte waren zu hören.
Katharina war fort.
Auf der Kücheninsel lag eine Kopie des Ultraschallbildes.
Darunter befand sich ein Blatt Papier.
Ich werde unser Kind nicht in einem Haus großziehen, in dem Liebe als Waffe benutzt wird.
Markus starrte so lange auf die Zeilen, bis der letzte Nebel in seinem Kopf verschwand und von Wut ersetzt wurde.
Er rief sie sofort an.
Katharina ging nicht ans Telefon.
Er versuchte es erneut.
Der Anruf wurde direkt an die Mailbox weitergeleitet.
Daraufhin wählte Markus den Sicherheitsdienst des Gebäudes.
„Frau Winter hat das Haus heute früh verlassen, Herr Winter“, erklärte der Portier.
„Mit wem?“
„Das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Vor dem Eingang wartete ein Wagen.“
„Was für ein Wagen?“
„Eine schwarze Limousine.“
Markus umklammerte das Telefon so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten.
„Wohin wurde sie gebracht?“
„Das weiß ich nicht, Herr Winter.“
„Sie wissen es nicht?“, brüllte Markus.
Am anderen Ende herrschte Schweigen.
Er legte auf und rief sofort Vanessa an.
Sie nahm nach dem zweiten Klingeln ab.
„Dir auch einen wunderschönen guten Morgen“, hauchte sie verführerisch.
„Hat Katharina dich angerufen?“
Vanessa lachte kurz.
„Warum sollte deine Frau ausgerechnet mich anrufen?“
„Sie ist weg.“
Für einen Moment sagte Vanessa nichts.
Als sie wieder sprach, war jede Leichtigkeit aus ihrer Stimme verschwunden.
„Wohin ist sie gegangen?“
„Ich weiß es nicht.“
„Im Ernst? Du weißt nicht, wo deine schwangere Ehefrau ist?“
Markus presste die Zähne aufeinander.
„Fang nicht damit an.“