Nach einer Nacht bei seiner Geliebten kam er lächelnd nach Hause – doch seine schwangere Frau wartete bereits mit Beweisen und einem Abschied, der sein gesamtes Imperium zum Einsturz bringen sollte
„Markus, falls sie bereits Anwälte eingeschaltet hat …“
„Hat sie.“
Wieder entstand eine lange Stille.
Dann fragte Vanessa sehr leise:
„Wie viel weiß sie?“
Ein kalter Schauer lief Markus über den Rücken.
„Was soll das heißen?“
„Tu nicht so begriffsstutzig. Das Apartment. Das Auto. Die Überweisungen aus der Stiftung. Du hast gesagt, alles sei wasserdicht geregelt.“
„Es war für alles gesorgt.“
„War es das?“ Vanessas Stimme wurde schärfer. „Markus, mein Name steht auf mehreren Unterlagen.“
„Und wessen Schuld ist das?“
„Meine?“ Sie klang fassungslos. „Du warst derjenige, der mit Geld um sich geworfen hat, als würde ihm die ganze Stadt gehören.“
„Mir gehört die halbe Stadt.“
„Nicht mehr lange, wenn deine Frau nachweist, dass du Spendengelder für dich selbst verwendet hast.“
Markus schloss die Augen.
Zum ersten Mal, seit Katharina die Kontoauszüge vor ihn gelegt hatte, spürte er, wie der Boden unter seinen Füßen nachgab.
Vanessa sprach weiter, nun deutlich leiser.
„Bring das in Ordnung.“
„Das werde ich.“
„Wie?“
„Ich hole sie zurück.“
Vanessa lachte bitter.
„Du glaubst wirklich, sie kommt noch einmal zu dir zurück?“
„Sie ist meine Frau.“
„Sie war deine Frau“, sagte Vanessa kühl. „Die Frau, die ich beim Stiftungsball gesehen habe, war gebrochen. Aber die Frau, die dir gestern Abend diese Unterlagen hingelegt hat … Markus, diese Frau ist gefährlich.“
Er beendete den Anruf.
In den folgenden sechs Stunden tat Markus genau das, was einflussreiche Menschen tun, wenn sie zum ersten Mal echte Angst verspüren.
Er telefonierte.
Mit Anwälten.
Mit Aufsichtsräten.
Mit Bankern.
Mit Privatdetektiven.
Mit alten Bekannten, die ihm Gefallen schuldeten.
Mit Männern, die jahrelang neben ihm in exklusiven Hotelbars gesessen, teuren Whisky getrunken und ihm unverbrüchliche Loyalität versprochen hatten.
Als es Abend wurde, nahm kaum noch jemand seine Anrufe entgegen.
Um 19.12 Uhr klingelte sein Telefon.
Sein Anwalt war am Apparat.
„Markus“, begann dieser vorsichtig, „wir haben ein ernstes Problem.“
Markus stand vor der riesigen Fensterfront des Penthouses und blickte auf die Lichter einer Stadt, von der er immer geglaubt hatte, sie gehöre ihm.
„Was für ein Problem?“
„Katharinas Rechtsvertretung hat heute mehrere Eilanträge eingereicht. Verschiedene Konten, die mit ihrem Erbe verbunden sind, wurden vorläufig gesperrt. Außerdem erhielt der Stiftungsvorstand eine offizielle Mitteilung wegen des Verdachts auf Veruntreuung von Spendengeldern.“
Markus erstarrte.
„Ohne Beweise können die das nicht tun.“
„Sie haben Beweise.“
Seine Kehle zog sich zusammen.
„Welche Beweise?“
„Kontoauszüge. Rechnungen. Überweisungsbelege. Und eine eidesstattliche Erklärung von Tobias Kern.“
Alle Farbe wich aus Markus’ Gesicht.
Tobias Kern war früher ein stiller, fast unsichtbarer Buchhalter der Stiftung gewesen.
Zu still.
Zu gewissenhaft.
Zu aufmerksam.
Acht Monate zuvor hatte Markus ihn entlassen, nachdem Tobias begonnen hatte, unangenehme Fragen über Zahlungen an eine Beratungsfirma zu stellen, die in Wirklichkeit niemals existiert hatte.
Markus war sicher gewesen, dass Tobias aus Angst schweigen würde.
Er hatte sich gründlich geirrt.
„Wo ist Katharina?“, fragte er durch zusammengebissene Zähne.
„Das weiß ich nicht.“
„Du bist mein Anwalt.“
„Ich versuche gerade, dich vor einer Haftstrafe zu bewahren“, erwiderte der Mann ruhig. „Die Suche nach deiner Frau steht im Augenblick nicht an erster Stelle.“
„Meine Frau hat das alles ausgelöst.“
„Nein“, widersprach der Anwalt. „Nicht sie hat das ausgelöst. Deine eigenen Entscheidungen haben dich hierhergebracht.“
Markus war so wütend, dass er das Telefon beinahe durch den Raum geschleudert hätte.
Stattdessen beendete er das Gespräch und schenkte sich einen weiteren Whisky ein.
Zur gleichen Zeit stand Katharina am Privatterminal des Hamburger Flughafens neben einem silbern glänzenden Geschäftsflugzeug. Der kalte Wind zerrte an ihrem Mantel.
Sie war noch nicht eingestiegen.
Die Maschine stand unter den Lichtern des Vorfelds, während ihre Triebwerke schwiegen. Über dem Horizont färbte sich der Himmel langsam violett. Katharinas Koffer befand sich bereits im Gepäckraum, und eine Flugbegleiterin wartete geduldig einige Schritte entfernt.
Johannes Falk hielt bewusst Abstand.
Er trug einen dunklen Mantel und Lederhandschuhe. Sein Gesicht wirkte ruhig und konzentriert. Nur ein einziges Mal hatte er Katharina gefragt, ob sie ihrer Entscheidung wirklich sicher sei.
Sie hatte ohne Zögern geantwortet.
Ja.
Trotzdem konnte sie sich nicht bewegen.
Fortzugehen bedeutete mehr, als nur ein Flugzeug zu betreten.
Es bedeutete, sich einzugestehen, dass ihr Traum endgültig gestorben war.
Das Zuhause, das sie mit Liebe Zimmer für Zimmer eingerichtet hatte.
Die Ehe, die sie vor anderen verteidigt hatte, selbst als ihr eigener Glaube daran längst zerbröckelte.
Der Mann, von dem sie gehofft hatte, er könne eines Tages ein guter Vater werden – wenn sie ihm nur noch etwas Zeit gab, noch etwas Geduld, noch eine Chance und noch eine Vergebung.