Sie kaufte den kleinen roten Wagen nicht aus Luxus – doch als ihre Kollegin nach einem Jahr plötzlich Geld von ihr verlangte, sagte sie nur einen einzigen Satz, der alles veränderte

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Sie kaufte den kleinen roten Wagen nicht aus Luxus – doch als ihre Kollegin nach einem Jahr plötzlich Geld von ihr verlangte, sagte sie nur einen einzigen Satz, der alles veränderte

Lena kaufte ihren kleinen roten Wagen nicht, weil sie ein besseres Leben vorspielen wollte.

Sie wollte niemanden beeindrucken und schon gar nicht ihren gesellschaftlichen Rang zeigen. Eines kalten Dezembermorgens stand sie unter nassem Schneeregen an einer Bushaltestelle, hielt eine Tüte mit den Medikamenten für ihre Mutter fest an sich gedrückt und begriff plötzlich, dass sie so nicht weitermachen konnte.

Der Bus ließ bereits seit fast vierzig Minuten auf sich warten. Die Menschen standen schweigend in den kalten Pfützen, zogen die Schultern hoch und versteckten ihre Gesichter in den Kragen. Einige schimpften vorsorglich über den Fahrer, obwohl der noch nicht einmal zu sehen war. Lenas Schuhe waren völlig durchnässt, ihre Finger taub vor Kälte, und in ihrem Kopf kreiste immer wieder derselbe Gedanke:

Warum muss ich mich ständig irgendwie durchkämpfen? Ich arbeite doch. Ich strenge mich an. Warum darf ich nicht einfach leben?

Einen Monat später nahm sie bei der Bank den nötigen Kredit auf.

Der Wagen war klein, nicht mehr neu, aber gepflegt und zuverlässig. Sein Rot leuchtete zwischen den grauen Autos im Hof wie eine reife Beere. Lena nannte ihn liebevoll „mein Roter“ und spürte jeden Morgen, wenn sie sich hinter das Lenkrad setzte, eine stille, beinahe kindliche Freude.

Im Innenraum vermischten sich der Duft von Kaffee aus ihrem Thermobecher, Pfefferminz und ein Hauch von Benzin. Am Rückspiegel baumelte ein kleiner Holzengel, den ihre Mutter ihr geschenkt hatte.

Für alle anderen war es einfach nur ein Auto. Für Lena war es ein Ort, an dem sie wenigstens zehn Minuten lang ganz sie selbst sein konnte.

Keine fremden Stimmen. Kein Gedränge. Niemand, dem sie aus Gewohnheit den Vortritt lassen musste.

Sie zahlte jede Rate pünktlich. Manchmal verschob sie den Kauf einer neuen Jacke, legte im Supermarkt die Lebensmittel sorgfältiger in den Wagen oder verlegte den Zahnarzttermin auf den nächsten Monat. Doch jeden Morgen, wenn sie die Heizung und das Radio einschaltete und auf die nasse Hauptstraße fuhr, hatte sie das Gefühl, ihr eigenes Leben wenigstens ein kleines Stück weit selbst in der Hand zu haben.

Katrin trat eher zufällig in dieses Leben.

Sie arbeiteten im selben Büro. Katrin war ungefähr sechs Jahre älter als Lena. Ihr Haar saß immer perfekt, die Maniküre war makellos, um den Hals trug sie gern ein schönes Tuch, und ihr selbstsicheres Auftreten vermittelte den Eindruck, dass sie in jeder Situation genau wusste, wie alles zu laufen hatte.

In der Buchhaltung respektierte man sie – und hatte zugleich ein wenig Angst vor ihr. Katrin sprach ruhig und freundlich, doch meistens taten die Menschen nach ihren Worten genau das, was für Katrin am bequemsten war.

Es begann Ende November.

An diesem Abend lag kalter Regen über der Stadt. Kein richtiger Wolkenbruch, eher ein feiner, unangenehmer Niesel, der unter den Kragen kroch, sich in den Haaren sammelte und die Straße in eine schwarze, glitschige Fläche verwandelte.

Lena hatte gerade ihren Mantel angezogen, die Tasche genommen und nach den Schlüsseln gegriffen, als Katrin sie am Ausgang einholte.

— Lena, du fährst heute doch mit dem Auto, oder? — fragte sie in einem Ton, der verriet, dass sie die Antwort längst kannte.

— Ja, — sagte Lena lächelnd. — Warum?

Katrin deutete zum Fenster.

— Sieh dir nur dieses Wetter an. Und ich trage ausgerechnet meine dünnen Stiefel. Wildleder. Bis zur Bushaltestelle brauche ich zehn Minuten – die kann ich danach wegwerfen.

Lena blickte erst auf die hellen, sorgfältig gepflegten Stiefel und dann hinaus in den Regen.

— Wo wohnst du noch mal?

— In der Nähe vom Park. Du fährst doch fast in meine Richtung, nicht wahr?

Dieses „fast“ bedeutete zwei zusätzliche Abzweigungen, eine überfüllte Kreuzung und ungefähr zwanzig Minuten mehr Fahrzeit. Lena wollte eigentlich noch in die Apotheke, die Tropfen für ihre Mutter holen und danach nach Hause, um wenigstens eine Weile in Ruhe zu sitzen.

Doch Katrin wirkte in ihrem dünnen Mantel so fröstelnd und hilflos, dass Lena sich plötzlich schlecht dabei fühlte, überhaupt müde zu sein.

— Komm, ich nehme dich mit, — sagte sie. — Das ist kein Problem.

— Du rettest mich! — Katrin hellte sofort auf. — Ehrlich, dafür schulde ich dir eine Schokolade.

Am nächsten Tag gab es keine Schokolade. Am übernächsten ebenfalls nicht. Lena maß dem keine Bedeutung bei. Sie hatte geholfen, und damit war die Sache für sie erledigt.

Am folgenden Abend wartete Katrin bereits neben den Zugangsschranken auf sie.

— Lena, es ist doch okay, wenn ich wieder mitfahre, oder? Gestern war es so praktisch. Und du musst ohnehin in diese Richtung.

Lena zögerte kurz.

— Na gut. Dann los.

Bald begann Katrin, ihr morgens zu schreiben.

„Ich stehe schon an der Haltestelle. Hältst du kurz an?“

„Lena, fahr bitte nicht ohne mich los. Ich bin in zwei Minuten da.“

„Heute ist es glatt. Ich komme lieber mit dir.“

Aus den zwei Minuten wurden nicht selten zehn. Und die Haltestelle lag auch nicht wirklich auf dem Weg. Trotzdem sagte Lena nichts. Sie fand es unhöflich, zuzugeben, dass ihr die Sache Schwierigkeiten bereitete.