Als Marianne nach vier Monaten unangekündigt nach Hause kam, wollte sie nur für ihren Mann und ihren Sohn kochen – doch die Stille hinter der Schlafzimmertür ließ ihr bisheriges Leben in wenigen Minuten zerbrechen
Sie fühlte sich nicht mehr wie Stefans Frau. Und auch nicht mehr wie Jonas’ Mutter, jedenfalls nicht in der vertrauten Bedeutung dieser Worte. Sie kam sich vor wie ein Geist in einer Wohnung, für die sie noch immer mitbezahlte.
Da zuckten Stefans Lider. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Marianne in ihm wieder den Mann, den sie geheiratet hatte, den Mann, der ihr zehn Jahre lang jeden Montag Blumen geschickt hatte. Dann wurde sein Blick klar. Er sah sie in der Tür stehen, noch im Mantel, unbeweglich, bleich – wie eine Nachricht, vor der er sich lange gefürchtet hatte.
Stefan sprang nicht auf. Er griff nicht hektisch nach der Decke, um sich zu verbergen. Er sah Marianne nur an, mit einer tiefen, müden Traurigkeit, als hätte er diesen Moment längst erwartet. Dann legte er den Arm schützend um Jonas’ Schulter. Die Bewegung war so selbstverständlich, dass Mariannes Knie weich wurden.
„Du bist früher zurück“, sagte Stefan. Seine Stimme war rau und leise und durchschnitt die letzten Reste der Stille.
Marianne antwortete nicht. In ihrer Hand hielt sie noch immer die fremden Schuhe aus dem Flur: abgetragen, mit niedrigen Absätzen, an den Spitzen leicht abgeschabt. Schließlich ließ sie sie los. Sie fielen dumpf zu Boden. Für Marianne klang es wie eine Tür, die sich endgültig schloss.
Das Licht in diesem kalten, ausgebleichten Zimmer hatte nichts von einem neuen Morgen. Es war eher ein Scheinwerfer, der eine Tragödie sichtbar machte, die längst begonnen hatte, bevor Marianne die Wohnung betreten hatte. Sie wandte sich nicht wieder zur Matratze, sondern zum Flur. Das Fleisch und das Gemüse blieben auf dem Tisch zurück.
Manche Dinge, begriff sie, lassen sich nicht wieder warm machen.
TEIL 3
Der Flur kam ihr nun viel länger vor als noch vor wenigen Minuten. Wie ein kalter, weißer Tunnel zog er sich vor ihr hin und schien sie zu verschlucken. Marianne sah nicht zurück. Sie konnte es nicht. Stefans Hand auf Jonas’ Schulter hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt wie das Nachbild eines grellen Blitzes – verzerrt, blendend und unmöglich auszulöschen.
In der Küche standen noch immer die Einkaufstüten. Sie wirkten erbärmlich normal, fast beleidigend alltäglich. Unter dem Papier wurde das Fleisch feucht, das Gemüse verlor in der abgestandenen Wärme langsam seine Frische. Marianne starrte auf die Lebensmittel und versuchte, einen logischen Gedanken festzuhalten. Doch jeder Zusammenhang riss sofort wieder ab.
Sie beugte sich hinunter und hob die Schuhe auf, die sie hatte fallen lassen. Wieder betrachtete sie die abgeschabten Spitzen. Jemand war damit viele Wege gegangen. Wenn sie nicht ihr gehörten und wenn Stefan und Jonas dort drinnen … so gewesen waren … wessen weibliche Spur stand dann im Flur ihrer Wohnung?
„Marianne.“
Stefans Stimme kam aus Richtung Schlafzimmer. Als sie sich umdrehte, stand er im Türrahmen. Er hatte einen Bademantel übergeworfen, den Gürtel nur nachlässig gebunden. Sein Haar war zerzaust von Schlaf und von allem, was er verschwieg. Er sah nicht aus wie ein Bösewicht. Eher wie ein Mann, der vier Monate lang die Luft angehalten hatte und nun nicht mehr weiterkonnte.
„Wem gehören die?“, fragte Marianne. Ihre Stimme war so ruhig, dass sie gefährlicher klang als jedes Schreien. Sie hielt die Schuhe hoch.
Stefan lehnte sich an den Türrahmen. Ein Teil seines Gesichts lag im Schatten.
„Sie gehörten deiner Schwester, Marianne. Bevor sie gestorben ist. Ich … ich habe sie im Abstellraum gefunden, während du weg warst. Ich habe sie nach vorn gestellt, weil mir das Geräusch von Schritten im Haus gefehlt hat. Weil ich dieses Gefühl vermisst habe, dass hier noch eine Familie lebt, die irgendwie funktioniert.“
Marianne spürte, wie ihr die Luft aus den Lungen wich. Es klang wie eine Lüge, selbst wenn es wahr sein sollte. Wie noch eine Schicht über etwas, das sie nicht verstand. Ihre Schwester war seit fünf Jahren tot.
„Und Jonas?“, fragte sie kaum hörbar. „Warum lag er da? Warum hat er dich so angesehen?“
Stefan machte einen Schritt auf sie zu. Marianne wich sofort zurück, bis die Kante der Küchenarbeitsplatte gegen ihren Rücken drückte.
„Jonas schläft fast gar nicht mehr“, sagte Stefan, und nun zitterte seine Stimme. „Seit du weggefahren bist, sind die Albträume wieder da. Die wegen des Unfalls. Er konnte nachts nicht allein in seinem Zimmer bleiben. Um drei Uhr morgens stand er manchmal vor meiner Tür, völlig verängstigt, am ganzen Körper zitternd. Ich habe ihn bei mir bleiben lassen. Nur dann hatte er das Gefühl, sicher zu sein.“
Er schwieg und suchte in Mariannes Gesicht nach irgendeinem Zeichen, dass sie ihm glaubte.
„Wir haben keinen Verrat vor dir versteckt“, fuhr er leiser fort. „Wir haben versteckt, dass wir ohne dich auseinandergefallen sind. Wir wussten nicht, wie wir dir sagen sollten, dass dieses perfekte Zuhause, in das du zurückkehren wolltest, schon in dem Augenblick zu zerbrechen begann, als die Tür hinter dir zuging.“