Ich bat einen Obdachlosen, meinen Verlobten zu spielen – dann erfuhr ich, dass er mit der geheimen Vergangenheit meiner Mutter verbunden war

Выкл. Автор ChatGpt
Ich bat einen Obdachlosen, meinen Verlobten zu spielen – dann erfuhr ich, dass er mit der geheimen Vergangenheit meiner Mutter verbunden war

„Hemingway?“, fragte ich überrascht. „Damit hätte ich nicht gerechnet. Ich dachte irgendwie, Sie würden etwas Düstereres nennen.“

Er lachte leise.

„Ganz falsch liegen Sie damit nicht. Aber manchmal treffen einen gerade die einfachen Geschichten am härtesten.“

„Ich glaube, ich verstehe, was Sie meinen.“

Den Rest des Abends redeten wir über alles Mögliche. Zu meiner eigenen Überraschung lachten wir oft. Matthias hatte einen trockenen, unaufdringlichen Humor, der mich immer wieder unerwartet erwischte. Als das Essen längst vorbei war, stellte ich fest, dass ich mich in seiner Nähe erstaunlich wohl fühlte.

Später in der Nacht ging ich noch einmal in die Küche, um mir ein Glas Wasser zu holen. Dort blieb ich stehen. Sämtliche Teller, Gläser und Besteckteile waren gespült und ordentlich neben dem Spülbecken abgestellt.

„Sie haben … abgewaschen?“, fragte ich und sah um die Ecke.

Matthias zuckte leicht mit den Schultern.

„Es war das Mindeste, was ich tun konnte.“

Ich lächelte. Diesmal spielte ich nichts.

„Danke.“

„Gern.“

„Gute Nacht, Matthias.“

Am nächsten Morgen ging plötzlich alles sehr schnell. Bis zum Familienwochenende blieb nur noch ein Tag, und es gab viel zu erledigen.

Unser erster Weg führte zum Friseur. Matthias saß still im Sessel und ließ die Veränderung geschehen. Ich beobachtete, wie aus dem ungeordneten Haar nach und nach ein sauberer, klassischer Haarschnitt wurde.

Er betrachtete sein Spiegelbild.

„Seltsames Gefühl“, murmelte er.

„Seltsam im guten oder im schlechten Sinn?“, fragte ich neckend.

Ein kleines Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Ganz eindeutig im guten.“

Als wir anschließend noch Kleidung für ihn besorgten, wirkte er bereits wie ein völlig anderer Mann.

Der festliche Abend bei meinen Eltern begann besser, als ich gehofft hatte. Meine Eltern freuten sich offensichtlich, Matthias kennenzulernen. Besonders meine Mutter strahlte, und ich konnte beinahe körperlich spüren, wie stolz und erleichtert sie war, mich endlich mit einem Mann an meiner Seite zu sehen. Zum ersten Mal seit langer Zeit stellte sie keine einzige dieser quälenden Fragen über mein Privatleben.

Matthias spielte seine Rolle perfekt. Er war höflich, aufmerksam und überraschend charmant. Er hörte zu, stellte passende Fragen und wirkte vollkommen selbstverständlich, als säße er nicht zum ersten Mal an diesem Tisch.

Langsam entspannte ich mich.

Vielleicht, dachte ich, war diese verrückte Idee tatsächlich genial gewesen.

„Matthias, richtig?“, fragte meine Mutter irgendwann lächelnd. „Sie kommen mir irgendwie bekannt vor. Sind wir uns schon einmal begegnet? Vielleicht habe ich Sie irgendwo im Fernsehen gesehen?“

Sie lachte, als wäre es nur ein harmloser Scherz.

Matthias schüttelte höflich den Kopf.

„Ich glaube nicht. Wahrscheinlich habe ich einfach so ein Gesicht.“

Mein Vater grinste.

„Wenn Sie im Fernsehen sind, muss ich wohl aufmerksamer hinschauen.“

Meine Mutter lachte kurz mit, doch ihr Blick blieb auf Matthias liegen.

„Und was haben Sie gemacht, bevor Sie Anna kennengelernt haben? Waren Sie geschäftlich tätig?“

Matthias antwortete nicht sofort.

Er sah meine Mutter ein wenig länger an, als nötig gewesen wäre. Etwas an seiner Haltung veränderte sich.

„Ja“, sagte er schließlich ruhig. „Ich war im Geschäftsleben. Aber vor ungefähr fünf Jahren hat sich in meinem Leben alles verändert.“

Mein Magen verkrampfte sich.

Moment mal. Das war nicht Teil unserer Abmachung.

Ich warf ihm einen schnellen Blick zu und hoffte, er würde verstehen. Doch Matthias sprach weiter.

„Es gab einen Unfall. Einen Autounfall. Er hat … mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt.“

Davon hatten wir ganz sicher nicht gesprochen.

Meine Mutter wurde schlagartig blass. Ihre Finger krallten sich so fest in die Tischdecke, dass die Knöchel weiß hervortraten. Ihr Gesicht hatte sich verändert, als hätte sich in ihrem Kopf gerade ein Bild zusammengesetzt, das sie jahrelang nicht hatte sehen wollen.

„Ein Autounfall?“, wiederholte sie.

Die Wärme war vollständig aus ihrer Stimme verschwunden.

„Wie … traurig.“

Mein Vater sah sie besorgt an.

„Sabine, ist alles in Ordnung?“

Doch sie schien ihn kaum zu hören.

„Nicht jeder kommt aus einem Unfall ohne Folgen heraus, nicht wahr?“

Matthias zuckte nicht einmal. Er hob sein Weinglas und nahm ruhig einen Schluck.

Dann platzte es aus meiner Mutter heraus.

„Er ist nicht der Mann, den du brauchst.“

Ihre Stimme bebte vor Wut.

Ich starrte sie an. Mein Vater hielt mitten in der Bewegung inne, die Gabel auf halbem Weg zum Mund.

Matthias stellte sein Glas langsam auf den Tisch.

„Entschuldigen Sie mich. Ich gehe kurz nach draußen.“

Als die Tür hinter ihm zugefallen war, wandte ich mich sofort meiner Mutter zu.

„Was sollte das gerade? Er hat überhaupt nichts getan!“

Sie senkte die Stimme, als fürchte sie, jemand könnte uns hören.

„Du musst etwas wissen, Anna. Vor fünf Jahren hatte ich einen Autounfall.“

Ich sagte nichts.

„Es war spät am Abend, außerhalb der Stadt. Niemand war in der Nähe. Der Mann, den ich angefahren habe … war Matthias.“