Nach vier Monaten kam Katharina unangekündigt nach Hause – doch was sie im stillen Schlafzimmer sah, ließ ihr vertrautes Familienleben innerhalb weniger Minuten zerbrechen
Gegen elf Uhr am Vormittag stand Katharina nach vier Monaten Dienstreise wieder vor ihrer Wohnung. Sie hatte weder ihren Mann noch ihren Sohn angerufen. Es sollte eine Überraschung werden, nichts Großes, nur dieses alte, vertraute Gefühl von Zuhause. In ihrer Tasche lagen frisches Gemüse, ein Stück Fleisch und einige Zutaten, die Martin und Tobias besonders gern mochten. Sie wollte kochen, den Herd anstellen, Wärme in die Küche bringen und für ein paar Stunden so tun, als wäre alles wie früher.
Schon im Treppenhaus fiel ihr die Stille auf. Je höher sie stieg, desto schwerer schien sie auf den Wänden zu liegen. Kein Fernseher, keine Musik, kein Lachen, nicht einmal gedämpfte Stimmen hinter der Wohnungstür. Katharina blieb einen Moment stehen, als hätte diese Lautlosigkeit etwas Körperliches. Dann klopfte sie. Einmal. Beim zweiten Mal fester. Niemand öffnete.
Sie verzog die Stirn.
„Na, ihr zwei …“
Noch einmal klopfte sie, dann drückte sie die Klinke herunter.
Im Inneren wirkte die Luft gespannt, fast elektrisch. Katharina spürte, wie sich die feinen Härchen auf ihren Armen aufrichteten. Sie blieb stehen. Ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. Ihr Blick glitt über den hellen Raum und blieb an zwei Gestalten hängen, die auf einer niedrigen Matratze lagen.
Näher an der Tür lag Martin, ihr Mann. Sein Gesicht war erstaunlich friedlich, und gerade diese Ruhe traf Katharina wie ein Schlag, weil in ihr selbst im selben Augenblick etwas zu toben begann. Doch nicht er war es, der ihr den Boden unter den Füßen nahm. Es war die zweite Gestalt. Keine Frau. Nicht die Besitzerin der zierlichen Schuhe, die Katharina kurz zuvor im Flur entdeckt hatte. Neben Martin lag Tobias, ihr Sohn.
Sie lagen dicht beieinander, als hätten sie dort all die Rollen abgestreift, die sie außerhalb dieses Zimmers trugen: Vater, Sohn, Beschützer, Student. Im harten, beinahe sterilen Licht des weißen Raums wirkten sie nur noch wie zwei erschöpfte Menschen, versunken in eine Stille, die von unzähligen unausgesprochenen Sätzen schwer geworden war.
Katharina presste die Hand vor den Mund. Der Laut, der ihr entwich, war irgendwo zwischen einem Schluchzen und einem erstickten Schrei. Noch vor wenigen Minuten hatte sie sich darüber gefreut, wie sauber und ordentlich die Wohnung wirkte. Jetzt erschien ihr diese makellose Ordnung wie eine sorgfältig errichtete Kulisse, wie ein Museum eines Lebens, das in dem Augenblick stehen geblieben war, als sie vor vier Monaten ins Flugzeug gestiegen war.
Ihr Blick fiel auf den Boden. Dort lagen mehrere Kleidungsstücke, dunkel und ineinander verknäuelt, als hätte jemand schwarze Farbe auf eine frisch verschneite Fläche gegossen.
„Martin?“, flüsterte sie.
Ihre Stimme zerbrach so fein, als wäre sie aus dünnem Glas.
Keiner von beiden rührte sich. Nur das gleichmäßige Heben und Senken ihrer Brust zeigte, dass sie lebten. Ausgerechnet dieses ruhige Atmen fühlte sich für Katharina grausam an. Sie hatte sich auf Frieden gefreut, auf einen stillen Vormittag zu Hause. Nun wirkte dieselbe Ruhe wie Hohn.
Da musste sie wieder an die Schuhe im Flur denken. Sie waren kein Geschenk, wie sie beim ersten Blick vermutet hatte. Sie waren eine Ablenkung. Vielleicht sogar ein Überbleibsel aus einem anderen Leben, das Martin vor den Nachbarn oder vor sich selbst aufrechterhalten wollte, damit niemand zu genau hinsah.
Katharina machte einen Schritt nach vorn. Die Absätze ihrer Stiefel schlugen hart auf den Boden. Das Geräusch klang in dem weißen Zimmer viel zu laut, fast endgültig. An der Wand blinkten Zahlen: 21:12:403. Einen Moment später verschwammen sie vor ihren Augen. Zeit war plötzlich nichts mehr, worauf sie sich verlassen konnte.
Verrat. Das Wort kam ihr in den Sinn, doch es passte nicht nur zu dem Bild vor ihr. Was sie traf, war dieses Gefühl, aus einer Welt ausgeschlossen worden zu sein, die einmal ihre gewesen war.
Die Stille. Vorhin hatte sie geglaubt, Musik und Fernseher fehlten, weil niemand zu Hause sei. Jetzt begriff sie, dass die beiden offenbar einen Raum geschaffen hatten, der nichts mehr von außen brauchte.
Und dann waren da die Lebensmittel. Das Fleisch, das Gemüse, all die Dinge, die sie auf den Küchentisch gelegt hatte. Sie hatte einen warmen Abend vorbereiten wollen, etwas Vertrautes, etwas, das nach Familie roch. Der Gedanke daran hinterließ einen metallischen Geschmack in ihrem Mund.
Für einen schmerzhaften Augenblick wollte Katharina die beiden packen, sie wachrütteln, Fragen stellen, Antworten verlangen. Doch sie wusste bereits, dass jede Erklärung etwas in ihr weiter zerbrechen würde. Also blieb sie stehen wie eine Zuschauerin vor den Trümmern ihres eigenen Selbstbildes.
Sie fühlte sich nicht mehr wie Martins Ehefrau. Auch nicht mehr wie Tobias’ Mutter, jedenfalls nicht in der Rolle, in der sie sich selbst seit Jahren verstanden hatte. Sie war plötzlich nur noch ein Geist in einer Wohnung, für die sie weiterhin Rechnungen bezahlte.