Ein Baby lag neben dem frisch aufgeworfenen Grab – als Anna das Bändchen an seinem Handgelenk las, brach die Vergangenheit über sie herein

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Ein Baby lag neben dem frisch aufgeworfenen Grab – als Anna das Bändchen an seinem Handgelenk las, brach die Vergangenheit über sie herein

Ralf Krüger war früher der Dorfpolizist gewesen. Ausgerechnet er hatte vor drei Jahren Lenas Verschwinden untersucht. Damals hatten ihn alle für anständig gehalten. Doch kurz darauf hatte er plötzlich den Dienst quittiert und war selbst aus der Gegend verschwunden.

Von draußen rief die Stimme wieder:

— Sie haben eine Minute. Danach kommen wir selbst rein.

Anna wiegte den Kleinen nervös in ihren Armen. Das Baby verstummte auf einmal und starrte zur Tür. Seine winzigen Finger krallten sich in den Ärmel ihrer Strickjacke.

— Markus… ich habe Angst…

Er ging zum alten Schrank, öffnete ihn und holte die Jagdflinte heraus, die seit Jahren unbenutzt dort stand.

— Wenn sie hereinkommen, verteidigen wir uns.

— Bist du verrückt geworden?!

— Was sollen wir sonst tun? Ihnen das Kind geben?!

Da schlug etwas draußen mit dumpfem Krachen gegen die Hauswand. Anna fuhr zusammen.

Der Säugling begann zu schreien.

Und plötzlich hörten sie im Hof einen Motor.

Scheinwerfer schnitten durch die Dunkelheit und überfluteten den Garten mit grellem Licht.

Die beiden Männer am Fenster drehten sich ruckartig um.

Ein alter grauer Opel rollte vor das Haus.

Die Fahrertür öffnete sich, und eine Frau in einem langen dunklen Mantel stieg aus. Auf dem Kopf trug sie ein vom Regen durchnässtes Tuch.

Anna erstarrte.

Ihr Herz begann rasend zu schlagen.

Die Frau hob den Kopf.

Markus ließ die Flinte fallen.

— Mein Gott… — stieß er hervor.

Es war Lena.

Sie lebte.

Aber ihr Anblick war furchtbar.

Ihr Gesicht war eingefallen, die Wangen hohl, der Blick matt und ausgebrannt. Es wirkte, als hätten die drei Jahre ihr ein ganzes Jahrzehnt geraubt. Unter ihrem linken Auge zog sich eine alte Narbe dunkel über die Haut.

Die Männer im Hof wichen sofort zurück.

Lena kam langsam bis ans Fenster.

— Anna… — sagte sie heiser. — Gib ihnen meinen Sohn nicht…

Annas Beine wurden weich.

— Lena?.. Bist du das wirklich?..

Doch ihre Schwester fuhr plötzlich herum.

Aus der Dunkelheit der Friedhofsstraße tauchten zwei weitere Wagen auf.

Da schrie Lena so verzweifelt, dass Anna das Blut in den Adern gefror:

— Sie haben mich gefunden! Lauft, sofort!

Kapitel 3. Das Geheimnis, das drei Jahre lang vergraben war

Markus riss die Tür auf, noch bevor Anna etwas sagen konnte. Kalter Nachtwind stürzte ins Haus, zusammen mit dem Geruch nasser Erde und der feuchten Kälte vom Friedhof.

Lena stolperte hinein und fiel beinahe auf die Knie. Sie zitterte am ganzen Körper und blickte immer wieder über die Schulter, als erwartete sie, jeden Moment würden die Männer hinter ihr im Flur stehen.

— Schließ ab! Schnell! — keuchte sie.

Markus drehte sofort den Schlüssel im Schloss.

Draußen waren bereits Männerstimmen zu hören, dazu das Zuschlagen von Autotüren.

Anna konnte den Blick nicht von ihrer Schwester lösen. Vor ihr stand nur noch ein Schatten jenes fröhlichen Mädchens, an das sie sich erinnerte. Lena sah erschöpft aus, gebrochen und tödlich müde.

Am schlimmsten aber waren ihre Augen.

Darin wohnte blanke Angst.

Der Kleine hörte plötzlich auf zu weinen. Als Lena das Kind in Annas Armen sah, bebte ihr Gesicht. Sie trat vorsichtig näher und strich mit den Fingerspitzen über seine kleine Wange.

— Mein Junge… — flüsterte sie unter Tränen. — Gott sei Dank… er lebt…

Anna hielt es nicht länger aus.

— Lena, sag endlich, was hier los ist! Wo warst du all die Jahre?!

Lena hob langsam den Blick.

Zum ersten Mal wurde es in der Küche so still, dass man draußen den Ast des Apfelbaums an der Hauswand kratzen hörte.

— Sie haben mich festgehalten, — sagte sie leise.

Anna wurde aschfahl.

— Wer?!

Lena sah nervös zu den Fenstern.

— Leute, die mit Ralf zusammengearbeitet haben.

Markus ballte die Hände zu Fäusten.

— Aber warum?!

Lena verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln.

— Weil ich zu viel erfahren hatte.

Vor dem Fenster glitt der Scheinwerfer eines Autos vorbei. Wieder ging jemand durch den Hof.

Lena sprach nun noch leiser weiter:

— Erinnert ihr euch an die alte Geburtsklinik hinter dem Fluss? Offiziell wurde sie wegen Einsturzgefahr geschlossen… Aber dort sind die ganzen Jahre über Dinge passiert, die kein Mensch glauben würde.

Anna runzelte die Stirn.

— Was für Dinge?

Lena holte bebend Luft.

— Kinderhandel.

Es war, als verschwände auf einmal die Luft aus dem Raum.

Markus ließ sich langsam auf den Hocker sinken.

— Was?..

— Neugeborene wurden mit gefälschten Papieren an reiche Leute verkauft. Manche Mütter wussten nicht einmal, dass ihre Kinder lebten. Man erzählte ihnen, ihre Babys seien bei der Geburt gestorben.

Anna wurde schwindelig.

— Das kann doch nicht wahr sein…

— Doch, — antwortete Lena leise. — Ich habe es zufällig gehört. Damals arbeitete ich dort als Pflegehelferin.

In diesem Augenblick schlug jemand wieder gegen die Tür.

Alle fuhren zusammen.

— Aufmachen! — brüllte ein Mann von draußen.

Lena bedeckte das Gesicht mit den Händen.

— Sie werden uns nicht am Leben lassen…

Markus sprang auf.

— Dann wirst du jetzt alles der Polizei erzählen.

Lena lächelte bitter.

— Der Polizei? Markus… die Hälfte von ihnen hat dieses Geschäft gedeckt.