Fremde Regeln in einem goldenen Paradies: die Geschichte einer Frau, die in Dubai einem Millionär vertraute und dafür beinahe ihr ganzes Leben verlor
Ich schlief fast nicht. Draußen heulte der Wind, die Uhr tickte quälend langsam, als wolle sie die Nacht absichtlich verlängern. In meinem Kopf kreisten Gedanken: „Was, wenn Klaus es erfährt? Was, wenn alles schiefgeht? Was, wenn ich es bereue?“ Doch die Angst mischte sich mit dem Gefühl von etwas Großem. Als hätte sich eine Tür, die mein ganzes Leben verschlossen war, endlich einen Spalt geöffnet.
Am Morgen wachte ich mit einem Lächeln auf. Zum ersten Mal seit vielen Jahren. In der Küche stand derselbe Wasserkocher, derselbe alte Linoleumboden lag unter meinen Füßen, dieselben Gardinen hingen am Fenster. Und doch sah alles anders aus. Leise sagte ich:
— Ich fliege nach Dubai.
Und selbst wenn in diesem Moment jemand hereingekommen wäre und gesagt hätte: „Hör auf, Monika“, ich hätte nicht mehr gehört. Denn zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich mich lebendig.
Nach dem Kauf der Reise wurde die Welt heller. Sogar die Schulglocke klang anders — lauter, fröhlicher. Ich trug einen Suppentopf durch den Flur, und in mir bebte alles vor Ungeduld. In einer Woche würde das Flugzeug gehen. Niemand wusste davon: nicht die Kolleginnen, nicht Freundinnen, und schon gar nicht Klaus.
Manchmal lächelte ich ohne Grund. Die Frauen in der Kantine sahen sich an:
— Monika, warum strahlst du so? Hast du im Lotto gewonnen?
— Fast, — scherzte ich.
In mir wuchs ein seltsames Gefühl — Begeisterung, vermischt mit Angst. Die Tickets und Unterlagen versteckte ich im Küchenschrank hinter einer Packung Graupen. Klaus sah dort nie nach. Abends holte ich die Papiere heraus, strich mit den Fingern darüber und stellte mir vor: Ich öffne die Augen, und um mich herum sind Sonne, Sand, Meer und ein neues Ich.
Doch je näher der Abflug rückte, desto lauter flüsterte es in mir: „Und wenn er es herausfindet?“
Am Samstag kam Klaus von der Tour zurück. Er trat wie immer ein, müde, halb ausgezogen, warf seine Tasche neben die Tür und atmete schwer aus:
— Bin gerade so angekommen. Die Straßen sind die Hölle.
Ich stellte das Abendessen auf den Tisch. Er aß schweigend und starrte in den Fernseher. Der Nachrichtensprecher sprach über steigende Preise, aber mir war alles egal. Ich betrachtete das Gesicht meines Mannes und spürte, wie mein Herz sich zusammenzog. Früher war dieser Mensch meine ganze Welt gewesen. Jetzt kam er mir fremd vor.
Nach dem Essen fragte er:
— Und in der Schule?
— Wie immer, — antwortete ich.
— Aha, — nickte er.
Damit war das Gespräch beendet.
Er bemerkte nicht einmal, dass unter der Tischdecke mein halb gepackter Koffer stand.
In der Nacht schlief ich nicht. Klaus schnarchte, und ich lauschte der Uhr. Jede Sekunde zählte mein Geheimnis weiter. In meiner Brust ballte sich Angst, aber daneben lag ein seltsames, fast verbotenes Vergnügen. Als wäre ich schon aus einem Käfig entkommen, wenn auch nur in Gedanken.
Am Morgen fuhr er zum Betriebshof und sagte, in drei Tagen müsse er wieder los.
— Ein bisschen ausruhen, dann geht’s weiter, — murmelte er und küsste mich auf die Wange.
Die Wange blieb kalt. Als der Lkw hinter der Kurve verschwand, schloss ich die Tür, lehnte mich mit dem Rücken dagegen und lachte leise. Das Lachen zitterte, beinahe erschrocken.
Noch am selben Tag ging ich auf den Wochenmarkt. Ich kaufte ein leichtes Kleid, einen Hut, dunkle Sonnenbrillen. Die Verkäuferin fragte:
— Geht’s in den Urlaub?
— Ja, — sagte ich. — Nach Dubai.
Sie pfiff leise durch die Zähne.
— Na, das ist mal eine Ansage.
Ich lächelte. Das Wort „Dubai“ klang so angenehm, als wäre es selbst schon ein Ticket in ein anderes Leben.
Am Abend packte ich den Koffer endgültig: Kleid, Badeanzug, Sonnencreme, Kamera, Papiere. Den Kindern schrieb ich knapp: „Mir geht es gut. Ich fahre ein bisschen weg. Macht euch keine Sorgen.“ Wohin genau, schrieb ich nicht. Sie sollten denken, es ginge an die Nordsee oder nach Bayern.
Vor dem Schlafengehen saß ich auf dem Bett und sah den Koffer an. In meinem Kopf wiederholte sich nur ein Satz: „Hoffentlich klappt alles.“
Am Morgen fuhr ich in die Stadt und von dort mit dem Bus zum Flughafen. Mein Herz schlug, als würde ich zur wichtigsten Prüfung meines Lebens gehen. In der Wartehalle waren Stimmen, Durchsagen, Kaffeeduft, Lachen. Ich fühlte mich wie ein kleines Sandkorn zwischen all diesen Menschen. Aber wie ein glückliches Sandkorn.
Als das Boarding aufgerufen wurde, stieg ich zum ersten Mal in meinem Leben die Treppe zu einem Flugzeug hinauf. Durch das Fenster flimmerten die Lichter meiner Heimatstadt — klein, zitternd. Ich schloss die Augen und dachte: „Leb wohl, Monika aus der Schulkantine.“
Als das Flugzeug vom Boden abhob, begriff ich: Zurück gab es keinen Weg mehr.
Das Flugzeug landete, und ich tauchte auf, als käme ich aus einem Traum. Durch das Fenster fiel so grelles Licht, als hätte die Sonne selbst hineingesehen. Die Luft flimmerte vor Hitze, und mein Herz flimmerte mit. Auf der Anzeige stand: „Dubai International Airport“.