„Mama, auf unserem Grundstück sind Fremde!“ – Als ihr Sohn sie wütend zur Rede stellte, antwortete sie nur: „Es ist nicht mehr unseres. Ich habe verkauft und bin ans Meer gefahren.“
Nina merkte sich dieses Wort: deine.
Nicht, weil sie beleidigt war. Zum ersten Mal beschrieb es die Wirklichkeit vollkommen genau. Ihr Grundstück. Ihre Entscheidung. Ihre Kosten. Ihr Rücken, der immer häufiger schmerzte.
Zwei Männer, die sie engagiert hatte, bauten das Gewächshaus innerhalb eines halben Tages ab. Nina bezahlte sie, stellte das Wasser ab, verschloss das Haus und fuhr zurück in die Stadt.
Früher hatte sie schon im Februar eine Liste an den Kühlschrank gehängt: Farbe für die Bank kaufen, die Pumpe prüfen, eine neue Gasflasche bestellen, das Dach nach dem Schnee kontrollieren. In diesem Jahr blieb der Zettel leer.
An einem Abend im März saß Nina am Computer und öffnete zufällig eine Immobilienseite. Erst sah sie sich die Preise in der Gartenkolonie an, dann verglich sie ähnliche Häuser. Eine Woche später bestellte sie einen Gutachter. Ihren Kindern sagte sie nichts. Zunächst gestand sie sich selbst nicht ein, dass ihre Entscheidung längst gefallen war.
Im April fuhr sie noch einmal hinaus. Der Schnee war geschmolzen und hatte feuchte, schwarze Erde freigelegt. Auf dem Dach des Schuppens lag ein dicker, abgebrochener Ast. Nina ging langsam durch die Räume, öffnete Schränke und blieb lange in dem kleinen Schlafzimmer stehen, in dem ihre Kinder früher geschlafen hatten.
Am Türrahmen waren noch immer die Bleistiftstriche zu sehen. Klaus hatte jeden Sommer daneben das Wachstum von Markus und Sabine festgehalten.
Da wusste Nina endgültig, dass sie keine weitere Saison beginnen wollte. Sie wollte keine Handwerker mehr suchen. Sie wollte nicht noch einmal hören: „Ich sehe mal, wie es mit der Arbeit aussieht.“ Sie wollte nicht jeden Freitag Lebensmittel für acht Menschen vom Supermarkt zum Auto schleppen.
Am nächsten Morgen rief sie den Makler an.
Die ersten Interessenten wollten den Preis fast halbieren. Den zweiten gefiel die Anfahrt nicht. Ein drittes Paar maß die Räume aus, sah sich den Schuppen an und versprach, darüber nachzudenken. Dann kamen Anna und Thomas mit ihren beiden schulpflichtigen Kindern.
Noch am Gartentor begann Anna laut darüber nachzudenken, wo sie Himbeersträucher pflanzen könnte. Thomas ging sofort zur Pumpe. Die Kinder entdeckten die Schaukel unter der Walnuss und stritten innerhalb weniger Sekunden darum, wer zuerst darauf sitzen durfte.
Nina sah ihnen zu und erkannte darin plötzlich Markus und Sabine, wie sie vor dreißig Jahren gewesen waren. Deshalb handelte sie nicht mehr um den Preis.
Fast alle Möbel ließ sie im Haus. Mitnehmen wollte sie nur die Familienfotos, wichtige Unterlagen, die Werkzeuge von Klaus und einige Kartons mit Erinnerungsstücken. Bevor sie den neuen Besitzern die Schlüssel übergab, nahm sie ein Messer und schnitt vorsichtig den Streifen Tapete mit den Bleistiftmarkierungen aus der Wand. Sie rollte ihn zusammen und legte ihn in ihre Tasche.
Einen Teil des Geldes legte Nina auf ein Festgeldkonto. Danach suchte sie im Internet nach einer Wohnung am Meer.
Seit vielen Jahren hatte sie keinen richtigen Urlaub am Wasser gemacht. Sie wollte nicht nur eine Woche in einem Hotel verbringen, in dem die ersten Tage für die Anreise und das Eingewöhnen draufgingen und die letzten beiden vom Kofferpacken verschluckt wurden. Sie wollte aufstehen, wenn sie ausgeschlafen war, langsam frisches Obst kaufen, jederzeit zum Strand gehen und niemandem Rechenschaft ablegen müssen.
Zum ersten Mal seit langer Zeit sollte der Sommer ihr allein gehören.
Sie fand eine kleine Einzimmerwohnung, etwa fünfzehn Minuten vom Strand entfernt, und mietete sie bis Ende August. Auch davon erzählte sie den Kindern nichts. Nicht, um sie zu bestrafen. Sie wollte nur zum ersten Mal eine eigene Entscheidung treffen, ohne sie erklären oder verteidigen zu müssen.
Markus rief am Abend an, als die Sonne bereits tief über dem Wasser stand. Seine Stimme war nun deutlich ruhiger als am Morgen.
„Mama, lass uns vernünftig reden.“
„Gut.“
„Ich verstehe nicht, warum du uns alles verschwiegen hast.“
„Weil ich wusste, wie dieses Gespräch verlaufen würde. Genau so wie heute.“
„Du hättest uns doch wenigstens informieren können.“
„Wozu?“
Er schwieg einen Moment.
„Damit wir es wissen.“
„Jetzt wisst ihr es.“
Wieder entstand eine Pause. Schließlich sagte Markus das, worum es ihm vermutlich von Anfang an gegangen war:
„Ich hatte eigentlich Pläne für das Grundstück.“
Nina blieb mitten auf der Uferpromenade stehen.
„Welche Pläne?“
„Na ja … für später. Ich dachte, wenn die Kinder größer sind, fahren wir öfter hin. Vielleicht hätte ich es irgendwann ganz übernommen.“
„Wer hat dir versprochen, dass du es bekommst?“
„Niemand. Aber es wäre doch logisch gewesen.“
„Für wen?“
„Mama, es sollte doch nicht an fremde Leute gehen!“
„Markus, du hast über mein Eigentum geplant. Gleichzeitig hattest du nicht einmal Zeit, mir beim Abbau des Gewächshauses zu helfen.“
„Und deshalb hast du es verkauft? Wegen eines einzigen Gesprächs?“
„Es war nicht ein Gespräch. Soll ich dich daran erinnern?“
„Woran denn?“